eLearning mit den Augen von vorgestern – heute noch aktuell?

Kommentieren 01. December 2008

Dass teilweise merkwürdige Vorstellungen von eLearning existieren, weiß jeder, der sich intensiver damit beschäftigt und/oder sich auf Diskussionen mit eher technikfernen Kollegen einlässt. Oft gilt es da eine Menge Vorurteile oder Vorstellungen nicht nur über die vermeintliche Komplexität sondern auch deren konkreten Inhalt zu revidieren. Schon öfters habe ich mich gefragt, wo das wohl am häufigsten genannte “Gegenargument” gegen den Einsatz von Computern im Unterricht herkommt (neben den rein technischen Vorbehalten): Schüler vereinsamen und individualisieren durch das Lernen mit dem Computer. Durch Martin Ebner bin ich auf ein Video gestoßen, welches die Vorstellung von eLearning der Zukunft aus dem Jahr 1967 zeigt:

Dass es so nicht gekommen ist, ist klar. Aber irgendwie scheinen hier und da doch noch ähnliche Vorstellungen davon zu herrschen. Wenn man sich einige “Lernspiele” oder Lernplattformen ansieht, ist das auch gar nicht so abwegig, denn selbst im Jahr 2008 begegnen einen noch virtuelle Lernszenarien, die dem im Video vorgestellten gar nicht so fern sind: Einführung durch Text oder Video (heutzutage vielleicht dann auch Animation), Multiple-Choice-artige Abfrage oder Auswahlfrage für weitere Informationen und schließlich Rückmeldung in Form von erreichten Punkten mit Lerntipp für Wiederholungen. Mal ehrlich, sowas wird heute (ohne Namen oder Links nennen zu wollen) noch für teures Geld als Lernsoftware verkauft oder im Internet als kostenpflichtiger Dienst angeboten – heute klickt man sich halt etwas aufwendiger gestaltet durch eine virtuelle Lernwelt.

Doch eLearning des 21. Jahrhunderts ist eben gerade nicht mehr die Steuerung des Lerners durch vorgefertigte Lernpfade, sondern deren freie und selbgestaltete Bewegung in einem Setting verschiedener Lernangebote. Web 2.0 und die damit einhergehenden Chancen des selbstständigen und kollaborativen Lernens gehen weit über die bisher bekannten Angebote hinaus. In dem Moment, in dem der Lerner sowohl an der Suche nach Lernmaterialien, deren Aufbereitung für den eigenen Lernprozess (inkl. Bewertung des Materials) und anschließender Verwertung und erneuter Bereitstellung beteiligt ist, wird Lernen zu einem selbstgesteuerten und eigenverantwortlichen Prozess und erfüllt die modernen, kompetenzorientierten Forderungen eines zeitgemäßen Unterrichts mit Ausblick auf die Befähigung zum lebenslangen Lernen. Es macht einen riesigen Unterschied, ob ich auf einen Multiple-Choice-Test eine computergenerierte Rückmeldung bekomme oder aber auf einen selbsterstellten Beitrag (z.B. in einem ePortfolio oder Blog) ein individuelles Feedback durch einen Mitschüler oder auch den Lehrer bekomme. Dabei steht für mich weniger die Individualität und deren Würdigung im Vordergrund, sondern vielmehr die daraus resultierende Motivation.

Denn wer sich den Lerner in dem obigen Video anchaut, wird eines feststellen: Motivation sieht anders aus. Lernen ist und bleibt wesentlich von sozialen und emotionalen Faktoren beeinflusst. Davon kann und darf sich auch eLearning nicht freisprechen, sondern muss zu jedem Zeitpunkt des Lernprozesses die Rückkoppelung an Peer-Groups oder Lernpartner ermöglichen. Ich glaube, dass diese fehlenden Möglichkeiten des Austauschs und der Verknüpfung bisher ein wesentlicher Faktor dafür waren, dass der Computereinsatz an Schulen so schleppend verlief. Und ich glaube auch, dass dieses Bild von eLearning – das Anklicken von Dingen mit anschließendem Beantworten von Fragen – noch in vielen Köpfen als Vorstellung vorherrscht. Es gilt also, die Möglichkeiten des Web 2.0 stärker im schulischen Umfeld zu propagieren, denn dass die Web 1.0-Varianten des eLearnings für eine 30köpfige Klasse mehr als unattraktiv sind, ist verständlich.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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