MacArthur Foundation über soziale Netzwerke

Kommentieren 24. November 2008

Über dieses Video bin ich auf eine interessante und junge Studie der MacArthur Foundation aufmerksam geworden. Diese widmet sich der Bedeutung sozialer Netzwerke für Jugendliche. Auf den Seiten der Digital Youth Research bekommt man einen Einblick in die Ergebnisse dieser Untersuchung, welche auch Rückschlüsse auf schulisches Lernen erlaubt. Zudem verstehe ich dieses Post als theoretische Ergänzung zum praktischen Tipp von heute morgen.

Ich beziehe mich im folgenden auf die Darstellungen im so genannten Whitepaper der Studie. Dort wird zu Beginn herausgestellt, wie wichtig soziale Netzwerke inzwischen für viele Jugendliche geworden sind, wenn es darum geht, zum einem Kontakt zu bestehenden Freunden zu halten, aber auch neue Freundschaften zu knüpfen. Diese müssen dabei nicht mehr lokal oder physisch begrenzt stattfinden, sondern bahnen sich im Web 2.0 neue Wege und finden auch durchaus rein virtuell statt.

Darauf folgt allerdings sehr rasch und fast schon als zweitrangig eine Feststellung, die mich hat aufhorchen lassen:

A smaller number of youth also use the online world to explore interests and find information that goes beyond what they have access to at school or in their local community. Online groups enable youth to connect to peers who share specialized and niche interests of various kinds, whether that is online gaming, creative writing, video editing, or other artistic endeavors. In these “interest-driven” networks, youth may find new peers outside the boundaries of their local community. They can also find opportunities to publicize and distribute their work to online audiences and to gain new forms of visibility and reputation.

Dies in zweierlei Hinsicht erstaunlich:

  1. Diese Prozesse dürften kaum oder zu nur geringen Maße von schulischen Institutionen angestoßen, sondern von den Jugendlichen eigenständig initiiert worden sein. Das entspricht durchaus dem, was “herkömmlicher” Unterricht bereits anzuregen versucht: Lernen als durchaus auch unabhängig von Schule verlaufenden Prozess zu verstehen. Doch im Internet eröffnen sich nun Chancen, dies auch tatsächlich praktisch umzusetzen.
  2. Die Wortwahl deutet stark an, dass es sich hierbei noch um einen kleinen bereich jugendlicher Aktivität im Internet handelt, dass dieser aber auch mit – und das hat dieser Blog bereits an mehreren Stellen herausgestellt – mit zunehmenden Angeboten à la Scoyo in Zukunft zunehmen dürfte. Schule hat also derzeit eine immense Gelegenheit, Schüler auf ihren Wissenstouren durchs Netz zu begleiten und sensibilisieren ohne dabei als ewig Gestriger zu wirken. Vielmehr besteht die Chance zusammen neue Formen des Lernens zu entdecken und zu perfektionieren.

Schüler bringen ein neues Verständnis von sozialen Prozessen mit, die auch Schule über kurz oder lang vor Herausforderungen stellen wird, die mit den traditionellen Methoden immer weniger aufzufangen sein weden. Denn soziale Prozesse laufen für jugendliche nicht mehr ausschließlich im physischen und direkten Austausch statt, sondern andere Formen von Kommunikation sowohl im synchronen als auch asynchronen Bereich erweitern die Horizonte dieser Generation über die Wände der Klassenräume hinaus:

In both friendship-driven and interest-driven online activity, youth create and navigate new forms of expression and rules for social behavior. In the process, young people acquire various forms of technical and media literacy by exploring new interests, tinkering, and “messing around” with new forms of media. They may start with a Google search or “lurk” in chat rooms to learn more about their burgeoning interest. Through trial and error, youth add new media skills to their repertoire, such as how to create a video or customize games or their MySpace page. Teens then share their creations and receive feedback from others online. By its immediacy and breadth of information, the digital world lowers barriers to self-directed learning.

Selbstbestimmtes Lernen und trial-and-error-learning werden die Herausforderungen sein. Ausgehend von einer immensen Wissensdichte, die vom einzelnen Individuum im 21. Jahrhundert kaum noch zu bewältigen sein wird, wird zunehmend die Fähigkeit in den Vordergrund treten, sich Wissen einerseits selber zu erschließen, sich aber andererseits auch mit diesem Wissen in der Form so konkret auseinanderzusetzen, dass es einem möglich wird, die Relevanz für den eigenen Lernprozess eigenständig abzuschätzen und einzuordnen.

Hier können soziale Netzwerke eine wichtige Rolle spielen. Denn diese erlauben es, entsprechend dem jeweiligen Lernprozess Verbindungen und Gruppen zu bilden, die sich gegenseitig unterstützen, um sich aber anschließend auch wieder aufzulösen. Lernen als soziale Angelegenheit erfährt durch soziale Netzwerke im virtuellen Raum eine neue Qualität, die Lernen immer weiter individualisiert (nicht im Sinne von Vereinsamung misszuverstehen). Der einzelne Lerner rückt zunehmend in den Mittelpunkt und gestaltet sein Lernumfeld aber auch sein personales Lernnetzwerk selber mit. Wer sich in Schule bewegt, wird sofort erkennen, an welchem Grundfundament von schulischer Organisation ein solches neues Sozialverständnis einer heranwachsenden Generation rüttelt: dem Klassenverband. Wir haben bereits über die Vorteile von klassen- oder schulübergreifenden Projekten nachgedacht und – wenn ich die Diskussionen in meinem Studium und Referendariat richtig interpretiere – für gut befunden. Web 2.0 liefert uns das Medium, hier aus der ewigen Wehklagerei der praktischen Realisierung herauszukommen, indem Kommunikation zunehmend zeit- und ortsunabhängig wird.

New media allow for a degree of freedom and autonomy for youth that is less apparent in a classroom setting. Youth respect one another’s authority online, and they are often more motivated to learn from peers than from adults. Their efforts are also largely self-directed, and the outcome emerges through exploration, in contrast to classroom learning that is oriented toward set, predefined goals.

Interessant sind auch die Herausforderungen, die die MacArthur Studie aus diesen Erkenntnissen für Lehrer, Eltern und Politik ableitet:

Participation in the digital age means more than being able to access “serious” online information and culture. Youth could benefit from educators being more open to forms of experimentation and social exploration that are generally not characteristic

of educational institutions. (…)

This diversity in forms of literacy means that it is problematic to develop a standardized

set of benchmarks to measure levels of new media and technical literacy. (…)

Youth using new media often learn from their peers, not teachers or adults, and notions of expertise and authority have been turned on their heads. Such learning differs fundamentally from traditional instruction and is often framed negatively by adults as a means of “peer pressure.” Yet adults can still have tremendous influence in setting “learning goals,” particularly on the interest-driven side, where adult hobbyists function as role models and more experienced peers. (..)

Unlike what young people experience in school, where they are graded by a teacher in a position of authority, feedback in interest-driven groups is from peers and audiences who have a personal interest in their work and opinions. Among fellow creators and community members, the context is one of peer-based reciprocity, where participants can gain status and reputation but do not hold evaluative authority over one another.

Ich unterbreche die Zitation an dieser Stelle, da hier bereits die neue Rolle von Lehrern angedeutet wird, die uns im Blog bereits öfters begegnet ist: “not being the sage on the stage, but the guide on the side”. Schule und Lehrer werden mit zunehmender Verfügbarkeit von alternativen Lernorten und Experten einem Akzeptanz- und Alleinstellungsproblem gegenüberstehen. Junge Lerner werden feststellen, dass sie nicht mehr alleinig auf die schule oder den einzelnen Lehrer angewiesen sein werden, was sich zwangsläufig auch auf dessen Rollenverständnis auswirken muss/wird. Doch ich möchte mich hier keinesfalls als Referendar anmaßen, diese Rolle absehen zu können. Denn wie unsicher diese Entwicklung ist, zeigt auch die Formulierung in der macArthur Studie, die sich an dieser Stelle auf Fragen zurückzieht, bei denen bitte jeder selber entscheidet, wie rhetorisch er diese interpretiert:

New role for education? Youths’ participation in this networked world suggests new ways of thinking about the role of education. What would it mean to really exploit the potential of the learning opportunities available through online resources and networks? Rather than assuming that education is primarily about preparing for jobs and careers, what would it mean to think of it as a process guiding youths’ participation in public life more generally? Finally, what would it mean to enlist help in this endeavor from engaged and diverse publics that are broader than what we traditionally think of as educational and civic institutions?

In diesem Sinne empfinde ich die Studie als durchus anregend, da sie den Finger auf die richtigen Stellen legt und mit einer Deutlichkeit auf die Problematiken für Schule aufgrund neuer Medien hinweist, diese aber zugleich mehr als Chance denn als Gefahr begreift:

Our values and norms in education, literacy, and public participation are being challenged by a shifting landscape of media and communications in which youth are central actors. Although complaints about “kids these days” have a familiar ring to them, the contemporary version is somewhat unusual in how strongly it equates generational identity with technology identity, an equation that is reinforced by telecommunications and digital media corporations that hope to capitalize on this close identification.

Schließlich kommt die Studie (die ich hier nicht en detail analysieren kann, zur Lektüre demjenigen, der sich für jugendliches Sozialverhalten innerhalb der neuen Medien interessiert, nur empfehlen kann) zu einer bemerkenswerten Schlussfolgerung:

Adults who stand on the other side of a generation gap can see these new practices as mystifying and, at times, threatening to existing social norms and educational standards. Although we do not believe that youth hold all the answers, we feel that it is crucial to listen carefully to them and learn from their experiences of growing up in a changing media ecology. (Hervorhebung durch mich)

Und was das konkret heißt, könnte ich selber kaum besser formulieren:

Although public institutions do not necessarily need to play a role in instructing or monitoring kids’ use of social media, they can be important sites for enabling participation in these activities

and enhancing their scope. Social and recreational online activities are jumping-off points for experimenting with digital media creation and self-expression. Rather than seeing socializing

and play as hostile to learning, educational programs could be positioned to step in and support moments when youth are motivated to move from friendship-driven to more interest-driven forms of new media use. This requires a cultural shift and a certain openness to experimentation and social exploration that is generally not characteristic of educational institutions.

Schließlich ganz im Sinne der Initiative D21 wird die MacArthur Studie sogar noch konkreter, wenn es um die Forderung geht, Jugendlichen den Zugang zu diesen neuen Medien und aufstrebenden Formen der sozialen Verknüpfung mit ihresgleichen zu ermöglichen:

We are concerned about the lack of a public agenda that recognizes the value of youth participation in social communication and popular culture. When kids lack access to the Internet at home, and public libraries and schools block sites that are central to their social communication, youth are doubly handicapped in their efforts to participate in common culture and sociability.

Aber – und dies sollte man dieser Diskussion nicht vergessen werden, welche sich schnell hinter einem “zuerst müssen alle technisch ausreichend ausgestattet sein, dann können wir loslegen” zu verstecken versucht – wir sollten auch auch beachten, dass das eigentliche Problem weniger auf der Seite der Jugendlichen oder der Ausstattung liegt, sondern in einem Mentalitätsphänom, welches sich entlang der Elterngeneration zu entwickeln droht:

The problem lies not in the volume of access but the quality of participation and learning, and kids and adults should first be on the same page on the normative questions of learning and literacy. Parents should begin with an appreciation of the importance of youth social interactions

with their peers, an understanding of their complexities, and a recognition that children are knowledgeable experts on their own peer practices and many domains of online participation.

If parents can trust that their own values are being transmitted through their ongoing communication with their children, then new media practices can be sites of shared focus rather than anxiety and tension. We believe that if our efforts to shape new media literacy are keyed to the meaningful contexts of youth participation, then there is an opportunity for productive adult engagement.

Es gilt also social networking nicht zu einem Jugendtrend werden zu lassen, sondern darauf zu achten, dass diese Art der Kommunikation und des damit einhergehenden Lernens auch seitens der Eltern- und Lehrerschaft auf Akzeptanz stößt. Wer diese neuen Räume nicht als Bedrohung sondern als Herausforderung oder gar Chance begreift, wird in der Lage sein, junge Lerner auf Lernwegen zu begleiten:

In contexts of peer-based learning, adults can still have an important role to play, though it is not a conventionally authoritative one. In friendship-driven practices, direct adult participation is often unwelcome, but in interest-driven groups we found a much stronger role for more experienced participants to play. Unlike instructors in formal educational settings, however, these adults are passionate hobbyists and creators, and youth see them as experienced peers, not as people who have authority over them. These adults exert tremendous influence in setting

communal norms and what educators might call “learning goals,” though they do not have direct authority over newcomers. The most successful examples we have seen of youth media programs are those based on kids’ own passionate interests and allowing plenty of unstructured time for kids to tinker and explore without being dominated by direct instruction. Unlike classroom teachers, these lab teachers and youth-program leaders are not authority figures responsible for assessing kids’ competence, but are rather what Dilan Mahendran has called “co-conspirators,” much like the adult participants in online interest-driven groups.

Ich versuche dem an meiner Schule mit einem virtuellen Lehrerzimmer zu begegnen, erkenne aber auch an diversen anderen Stellen im Netz erste aussichtsreiche Ansätze, sich innerhalb von Lehrerschaften zu vernetzen und Potentiale des Web 2.0 selber zu erfahren und zu nutzen, z.B. in dieser jungen Community.

Ich halte somit eine der Abschlussfragen der Studie für sehr richtig gestellt und zukunftsweisend, so dass ich sie auch ans Ende meiner Auseinandersetzung mit den für mich sehr gewinnbringenden Anregungen der MacArthur Foundation stellen möchte, die für mich sicher noch von großer Relevanz in meinem Lehrerdasein sein wird:

Rather than thinking of public education as a burden that schools must shoulder on their own, what would it mean to think of public education as a responsibility of a more distributed network of people and institutions?

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

vgl. auch Social Networking ist Schule fürs reale Leben

und New MacArthur Study: Must Read for Educators

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