Lehrerblogs unter der Lupe
Gestern Abend bin ich auf eine sehr interessante Bachelorarbeit gestoßen, die mich aus drei Gründen sofort in ihren Bann gezogen hat:
- Der Titel: “Lehrerblogs unter der Lupe” (Arbeit als PDF)
- Der Untertitel: “Eine Analyse von Inhalten, Funktionen und Nutzungsmotiven
ausgewählter Lehrer-Weblogs”
- Die Betreuerin der Arbeit: Prof. Dr. Gabi Reinmann
Für mich stand aber auch ganz persönlich die Frage zur Aufklärung an, welche mich schon seit einiger Zeit umtreibt: Ist das, was ich hier im Projektblog mache ein “Lehrer-Blog”? Diverse Rückmeldungen dazu in unterschiedlichen Diskussionen waren dazu bisher sehr widersprüchlich. nach der Definition von Tamara Specht (der Autorin der vorliegenden Arbeit), glaube ich nun aber sagen zu können, dass es sich durchaus um einen Lehrerblog handelt:
Unter Lehrer-Weblogs sollen dabei vor allem solche Weblogs verstanden werden, die erkennbar von einem Lehrer oder Referendar geführt werden und die sich auch mit dem Thema Schule und Lehrerberuf auseinandersetzen. Wie stark dieser Themenbereich vertreten ist und ob das Weblog primär privaten Zwecken dient oder sich eher an Kollegen und Schüler wendet, ist dabei
zweitrangig.
Diese freie und offene Definition gefällt mir recht gut – und dies nicht nur, da demnach unser Blog ebenfalls in diese Kategorie fallen würde. Untersucht wurde er leider nicht, da die Studie sich auf einen frühen Zeitraum dieses Jahres bezieht, zudem wir einfach noch nicht online waren. Wie dem auch sei…
Ich kann die vorliegende Arbeit nur jedem empfehlen, der sich ansatzweise für das noch viel zu wenig untersuchte Phänomen “Lehrer-Blog” interessiert. Die Arbeit beginnt mit einem allgemeineren und theoretischen teil, indem generell herausgearbeitet wird, was ein Blog ist, warum Blogs geführt werden und besonders wie sich diese zu Theorien der Bedürfnisbefriedigung verhalten (letzteres hat mich ein wenig an die Theorien von Jean-Pol Martin erinnert). darauf folgt ein sehr ausführlicher Empirieteil, in dem sehr akribisch und detailliert über 30 Lehrerblogs analysiert und deren Autoren befragt wurden.
Nun bin ich mir sehr unschlüssig, ob und inwieweit ich hier eine kommentierende Darstellung geben soll, oder ob ich damit die Leser dieses Blogs nur langweile, da sich mein Interesse hauptsächlich aus meiner eigenen Blogtätigkeit speist. Ich möchte also zusammenfassend festhalten, dass mich viele Ergebnisse der Studie nicht überrascht haben:
- Mehr männliche als weibliche Lehrer bloggen.
- Die bloggenden Lehrer sind älter als der allgemeine Durchschnittsblogger aber dennoch jünger als die durchschnittliche Lehrerschaft.
- Die Themen kreisen um Schule, werden aber auch durch private Informationen durchzogen – bei auffälligem Anteil von e-Learning-Themen (generelle Computeraffinität von Lehrerbloggern).
- Post werden relativ wenig bis teilweise gar nicht kommentiert (das die ermittelte Kommentarzahl dem “normalen” Blogger entspricht, wage ich etwas zu bezweifeln. Nach meiner subjektiven Wahrnehmung wird in Lehrerblogs etwas weniger kommentiert als in “normalen Blogs).
- Mit einem Drittel ein relativ hoher Anteil von anonym geführten Lehrerblogs.
Eine gute Übersicht über interessante Ergebnisse stellt auch folgende, der Arbeit entnommene Tabelle dar:
Wer sich also für Lehrerblogs interessiert, wird hier eine gelungene Analyse finden, welche Personen und Motive sich hinter den Bloggern verbergen können. Und wer selber mit dem Gedanken spielt, einen solchen Weblog einzurichten, findet eine gute Analyse derer, in deren Kreis er sich begeben wird.
Was mich noch interessiert hätte, wäre die Leserperspektive. Die Arbeit fokussiert auf folgende Forschungsfragen:
1. Worüber bloggen Lehrer?
2. Woher kommt die Motivation zum Bloggen bei Lehrern?
3. Inwiefern können beim Bloggen die drei psychologischen Grundbedürfnisse
nach Kompetenz, Autonomie und sozialer Eingebundenheit befriedigt werden?
4. Welche Funktionen hat das Bloggen für Lehrer?
5. Bloggt ein ganz bestimmter Lehrertyp?
Die Wahrnehmung dieser Blogs wäre sicher auch eine Untersuchung wert, die die vorliegende wahrscheinlich aber gesprengt hätte. Sind es eigentlich andere Lehrer, die diese Blogs lesen? Werden dabei (also beim Lesen) eher berufliche oder private Bedürfnisse befriedigt? Wie stark rekrutiert sich die Leserschaft aus dem Bekanntenkreis des Bloggers bzw. wie eng ist der Kontakt der Leser zum Blogger (und unterscheidet sich das aufgrund des sozialen Betätigungsfeld Schule von anderen Blogs)?
In diesem Blog habe ich ja bereits öfters angeregt, wie wertvoll eine Verbreitung von Blogs innerhalb der Lehrerschaft sein könnte. Die vorliegende Studie bestätigt mich dabei wieder in wesentlichen Punkten: Bloggen kann durch die Institution (Schule) thematisch begründet sein, sollte aber nicht durch sie vorgegeben werden. Bloggen – und das zeigt die Analyse von Tamara Specht – ist etwas durchaus individuelles, was sich der Vorgabe bzw. Regulierung entzieht oder durch diese, so fürchte ich, den Reiz verliert. Es kann also nicht angestrebt werden, Lehrern das Bloggen als Medium vorzusetzen, sondern vielmehr darum, sie damit in Kontakt zu bringen, dessen Adaption und Fortführung aber jedem selber anheim stellen. Dies zeigt auch die thematische Gewichtung vieler Lehrerblogs, die immer wieder von privaten Berichten durchzogen werden. Dies zeigt, dass genau das auch bei Lehrern passiert, was ich schon öfters auch für die Chancen des Web 2.0 für Schüler beschrieben habe: das Brückenbauen zwischen lern- und Lebenswelten oder in diesem Fall zwischen Lehr- und Lebenswelten. Lehrern wird im Bloggen eine Möglichkeit gegeben, einerseits ihren beruflichen Alltag zu reflektieren und sich mit Interessierten oder Kollegen auszutauschen. Anderseits besteht aber auch die Chance, eine Verknüpfung zu privaten Interessen und Themen herzustellen, was oft – so beobachte ich es jedenfalls bei mir – dann auch wieder Rückwirkungen auf das Lehren hat, welches durch diese Einschübe neue Anregungen/Anstösse erhält.
Mir hat die Lektüre jedenfalls Spaß gemacht und ich kann sie somit nur empfehlen. Ich würde mich auch über eine Diskussion über die Forschungsergebnisse freuen – ob in diesem oder einem anderen Lehrerblog.
Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.


Interessant dass die Lehrer hauptsächlich über Computer und Internet bloggen. Gibt es also keinen Geschichtsblog, oder einen Deutschblog oder Matheblog?
Ich kenne schon gute Blogs zu Schwerpunkten wie Fremdsprachen (Jürgen Wagner) oder auch Geschichte. Aber auch dort ist das Thema Internet sehr stark präsent und es geht häufig um neue Medien in den Fächern.
Reine Fachblog? Würde mich auch interessieren, habe ich aber ehrlich gesagt aufgrund unseres Schwerpunkts noch nicht gezielt nach gesucht.
Das ist die Chance für alle Lehrerblogger mit Fachblogs, sich in die Diskussion einzuklinken und sich zu verlinken
Wir haben damals in unserer FH zu jedem Seminar einen Blog benutzt. http://campusphere.de/prozesse/seminare. Das fand ich sehr gut weil man kollaborativ Inhalte erarbeitet hat. Aus der ganzen FH gab es nur einen Professor der wirklich einen Blog betrieben hat. Er selber war jedoch auch in diesem Feld (Web, Interaktionsdesign, etc.) stark tätig.
Das ist sehr spannend, da hier vom Amt für Lehrerbildung auch über solche Ansätze nachgedacht wird (ich darf leider nicht drüber bloggen).
Habt Ihr da einen einzigen Blog genutzt (wie unser Projektblog quasi) oder hatte jeder seinen eigenen Blog und die wurden (wie auch immer das praktisch geht) verlinkt?
Ich halte es ja für notwendig, bei solchen Ansätzen nicht auf der Blogebene zu verbleiben, sondern für Institutionen oder auch Seminare die Communityfunktion hinzuzunehmen. Das lässt sich ja inzwischen sehr schön mit Blogs kombinieren.
guter tipp. ausgedruckt.
vielleicht lektüre für die langen winterabende…
ciao
Wir hatten damals für jedes Seminar einen Wordpress Blog. Vor Wordpress ein anderes System, dass ich aber ncht kenne. Die Plattform campusphere wurde erst später aufgesetzt und die alten Wordpress Blogs wurden integriert.
Hallo René, hallo Tamim,
da Euch offensichtlich ähnliche Fragen beschäftigen wie mich mache ich hier mal ganz frech Webung für meine Umfrage zum Thema Seminarblogs und bedanke mich bei der Gelegenheit für die stets verfolgten Beiträge an dieser Stelle.
Grüße aus Hamburg,
Ralf
Hallo zusammen,
ihr wart alle schneller: Erst haben wir lange auf die Zweitgutachten gewartet, die ja erst dasein mussten, um die Abschlussarbeiten öffentlich zu machen, und jetzt komme ich nicht hinterher, darauf aufmerksam zu machen
. Aber das habt ihr ja jetzt schon getan. Danke!
Gabi
Hallo zusammen und vielen Dank für die Kommentare.
@Gabi Reinmann: Das klingt, als kämen da noch weitere Arbeiten in dieser Richtung? Ich habe ja in der hier vorgestellten gelesen, dass da offenbar eine Kooperation mit einer Studienkollegin stattgefunden hat, konnte dazu aber noch nichts näheres finden.
@Ralf: Natürlich kenne ich Deine Umfrage, welche Du ja auch auf dem EduCamp Berlin nochmals vorgestellt hast – wenn ich mich recht erinnere. Sie läuft schon recht lange, gelle? Für wann können wir denn mit den ersten Ergebnissen rechnen?
@Tamim: Ich finde diese integrative Lösung eines CMS mit Einbindung von Blogs sehr interessant, da die reine Vernetzung nur über Blogs in meinen Augen nur auf sehr enger und auch real funktionierender Ebene gewinnbringend funktionieren kann. Wer überlegt, eine breite Vernetzung zu erreichen, wird wohl nicht drumherum kommen, die Blogs auf einer weiteren Ebene aktiv in Beziehung zu setzen. Ich sehe da Möglichkeiten über Wordpress MU, Drupal oder Joomla mit zusätzlichen Plugins oder Erweiterungen, die dem einzelnen einen Blog geben, die Kommunikation aber über Private-Messages, Foren oder Plattformen zum Austausch ergänzen. Ich staune noch immer über den Erfolg von StudiVZ auf der einen un Moodle auf der anderen Seite. Sehr schade, dass die Blogs in Moodle noch so unausgereift sind.
Ich bin sehr gespannt, was sich da entwickelt. Denn die Idee einer Community-Plattform, die das individuelle medium Blog integriert, halte ich für sehr gewinnbringend. Auch Twitter verdeutlicht, wie groß das Bedürfnis ist, sich über die oft statischen Posts hinaus auszutauschen.
@René: Die Umfrage ging wenige Tage vor dem EduCamp online. Wenn alles gut geht läuft sie noch den Rest des Jahres. Ergebnisse folgen dann hoffentlich im Januar/Februar, vielleicht aber auch erst in den Semesterferien. Je nach Zeitlicher Verfügbarkeit. Wie Du meinen Bemühungen entnehmen kannst dürfen gerne noch ein paar Teilnehmer ihre Meinung einbringen
Hallo René: Ja, es gibt drei Arbeiten in diesem Umfeld; ich habe es jetzt gepostet, nämlich hier: http://medienpaedagogik.phil.uni-augsburg.de/denkarium/?p=452
Gabi (Vorname reicht
)
Besonders die zweite Arbeit, die Gabi in ihrem Blog vorstellt (noch nicht veröffentlicht) verspricht nochmals sehr interessant zu werden für unseren Schwerpunkt hier.
Auch auf die Umfrage von Ralf bin ich sehr gespannt. Ich werde über die Weihnachtsferien meine Arbeit übers virtuelle Vernetzen von Lehrern vorantreiben müssen (Abgabefristen). Ist zwar nur ein kleines und weitestgehend schulinternes Vorhaben, über aktuelle Analysen – die in diesem Bereich definitiv noch fehlen, um von einer Diskussion sprechen zu können – würde ich mich aber sehr freuen.
Für mich stehen zwei Aspekte besonders hoch auf der Agenda:
- Wie verdeutlicht man den Mehrwert, bei gleichzeitiger Erfahrbarkeit der Arbeitsentlastung?
- Wie stößt man die notwendigen Mentalitätswandel an, um das Lehrereinzelkämpfertum auf breiterer Ebene zu durchbrechen?
Natürlich – und deswegen unterstütze ich die Initiative D21 die unser Projekt beheimatet – muss bereits bei den Junglehrern/Referendaren angesetzt werden. Aber das größte Potential geht verloren, wenn wir die alltags- und unterrichtserprobten Kollegen mit all ihren Erfahrungen nicht ins Boot bekommen.
Deutschlehrerblog: http://norberto42.kulando.de/
Englischlehrerblog: http://tulgeywood.de/
Deutsch- und Geschichtslehrerblog: http://wordpress.blokey.de/
und viele weitere… in D/A/CH; wenn man englisch als Sprache akzeptieren kann, dann findet man unendliche Möglichkeiten in USA/CA/IL/NL et.al. zu allen Themen und Fächern …
Danke für die Tipps, Lisa.
Es ist immer wieder erstaunlich, dass man selbst nach längerer Beschäftigung mit dem Thema in der Blogosphäre immer wieder Neues findet.
Ich hoffe auch die Arbeit hier bald fortsetzen zu können…
Die Twitterdiskussion hat mich hierher geführt. Jetzt hab’ ich wissenschaftlich bestätigt gefunden, dass ich ein Lehrerblog habe
Aber auch die anderen Erkenntnisse klingen sehr interessant.