Lehrerblogs unter der Lupe

Kommentieren 18. November 2008

Gestern Abend bin ich auf eine sehr interessante Bachelorarbeit  gestoßen, die mich aus drei Gründen sofort in ihren Bann gezogen hat:

  1. Der Titel: “Lehrerblogs unter der Lupe” (Arbeit als PDF)
  2. Der Untertitel: “Eine Analyse von Inhalten, Funktionen und Nutzungsmotiven

    ausgewählter Lehrer-Weblogs”

  3. Die Betreuerin der Arbeit: Prof. Dr. Gabi Reinmann

Für mich stand aber auch ganz persönlich die Frage zur Aufklärung an, welche mich schon seit einiger Zeit umtreibt: Ist das, was ich hier im Projektblog mache ein “Lehrer-Blog”? Diverse Rückmeldungen dazu in unterschiedlichen Diskussionen waren dazu bisher sehr widersprüchlich. nach der Definition von Tamara Specht (der Autorin der vorliegenden Arbeit), glaube ich nun aber sagen zu können, dass es sich durchaus um einen Lehrerblog handelt:

Unter Lehrer-Weblogs sollen dabei vor allem solche Weblogs verstanden werden, die erkennbar von einem Lehrer oder Referendar geführt werden und die sich auch mit dem Thema Schule und Lehrerberuf auseinandersetzen. Wie stark dieser Themenbereich vertreten ist und ob das Weblog primär privaten Zwecken dient oder sich eher an Kollegen und Schüler wendet, ist dabei

zweitrangig.

Diese freie und offene Definition gefällt mir recht gut – und dies nicht nur, da demnach unser Blog ebenfalls in diese Kategorie fallen würde. Untersucht wurde er leider nicht, da die Studie sich auf einen frühen Zeitraum dieses Jahres bezieht, zudem wir einfach noch nicht online waren. Wie dem auch sei…

Ich kann die vorliegende Arbeit nur jedem empfehlen, der sich ansatzweise für das noch viel zu wenig untersuchte Phänomen “Lehrer-Blog” interessiert. Die Arbeit beginnt mit einem allgemeineren und theoretischen teil, indem generell herausgearbeitet wird, was ein Blog ist, warum Blogs geführt werden und besonders wie sich diese zu Theorien der Bedürfnisbefriedigung verhalten (letzteres hat mich ein wenig an die Theorien von Jean-Pol Martin erinnert). darauf folgt ein sehr ausführlicher Empirieteil, in dem sehr akribisch und detailliert über 30 Lehrerblogs analysiert und deren Autoren befragt wurden.

Nun bin ich mir sehr unschlüssig, ob und inwieweit ich hier eine kommentierende Darstellung geben soll, oder ob ich damit die Leser dieses Blogs nur langweile, da sich mein Interesse hauptsächlich aus meiner eigenen Blogtätigkeit speist. Ich möchte also zusammenfassend festhalten, dass mich viele Ergebnisse der Studie nicht überrascht haben:

  • Mehr männliche als weibliche Lehrer bloggen.
  • Die bloggenden Lehrer sind älter als der allgemeine Durchschnittsblogger aber dennoch jünger als die durchschnittliche Lehrerschaft.
  • Die Themen kreisen um Schule, werden aber auch durch private Informationen durchzogen – bei auffälligem Anteil von e-Learning-Themen (generelle Computeraffinität von Lehrerbloggern).
  • Post werden relativ wenig bis teilweise gar nicht kommentiert (das die ermittelte Kommentarzahl dem “normalen” Blogger entspricht, wage ich etwas zu bezweifeln. Nach meiner subjektiven Wahrnehmung wird in Lehrerblogs etwas weniger kommentiert als in “normalen Blogs).
  • Mit einem Drittel ein relativ hoher Anteil von anonym geführten Lehrerblogs.

Eine gute Übersicht über interessante Ergebnisse stellt auch folgende, der Arbeit entnommene Tabelle dar:

Wer sich also für Lehrerblogs interessiert, wird hier eine gelungene Analyse finden, welche Personen und Motive sich hinter den Bloggern verbergen können. Und wer selber mit dem Gedanken spielt, einen solchen Weblog einzurichten, findet eine gute Analyse derer, in deren Kreis er sich begeben wird.

Was mich noch interessiert hätte, wäre die Leserperspektive. Die Arbeit fokussiert auf folgende Forschungsfragen:

1. Worüber bloggen Lehrer?

2. Woher kommt die Motivation zum Bloggen bei Lehrern?

3. Inwiefern können beim Bloggen die drei psychologischen Grundbedürfnisse

nach Kompetenz, Autonomie und sozialer Eingebundenheit befriedigt werden?

4. Welche Funktionen hat das Bloggen für Lehrer?

5. Bloggt ein ganz bestimmter Lehrertyp?

Die Wahrnehmung dieser Blogs wäre sicher auch eine Untersuchung wert, die die vorliegende wahrscheinlich aber gesprengt hätte. Sind es eigentlich andere Lehrer, die diese Blogs lesen? Werden dabei (also beim Lesen) eher berufliche oder private Bedürfnisse befriedigt? Wie stark rekrutiert sich die Leserschaft aus dem Bekanntenkreis des Bloggers bzw. wie eng ist der Kontakt der Leser zum Blogger (und unterscheidet sich das aufgrund des sozialen Betätigungsfeld Schule von anderen Blogs)?

In diesem Blog habe ich ja bereits öfters angeregt, wie wertvoll eine Verbreitung von Blogs innerhalb der Lehrerschaft sein könnte. Die vorliegende Studie bestätigt mich dabei wieder in wesentlichen Punkten: Bloggen kann durch die Institution (Schule) thematisch begründet sein, sollte aber nicht durch sie vorgegeben werden. Bloggen – und das zeigt die Analyse von Tamara Specht – ist etwas durchaus individuelles, was sich der Vorgabe bzw. Regulierung entzieht oder durch diese, so fürchte ich, den Reiz verliert. Es kann also nicht angestrebt werden, Lehrern das Bloggen als Medium vorzusetzen, sondern vielmehr darum, sie damit in Kontakt zu bringen, dessen Adaption und Fortführung aber jedem selber anheim stellen. Dies zeigt auch die thematische Gewichtung vieler Lehrerblogs, die immer wieder von privaten Berichten durchzogen werden. Dies zeigt, dass genau das auch bei Lehrern passiert, was ich schon öfters auch für die Chancen des Web 2.0 für Schüler beschrieben habe: das Brückenbauen zwischen lern- und Lebenswelten oder in diesem Fall zwischen Lehr- und Lebenswelten. Lehrern wird im Bloggen eine Möglichkeit gegeben, einerseits ihren beruflichen Alltag zu reflektieren und sich mit Interessierten oder Kollegen auszutauschen. Anderseits besteht aber auch die Chance, eine Verknüpfung zu privaten Interessen und Themen herzustellen, was oft – so beobachte ich es jedenfalls bei mir – dann auch wieder Rückwirkungen auf das Lehren hat, welches durch diese Einschübe neue Anregungen/Anstösse erhält.

Mir hat die Lektüre jedenfalls Spaß gemacht und ich kann sie somit nur empfehlen. Ich würde mich auch über eine Diskussion über die Forschungsergebnisse freuen – ob in diesem oder einem anderen Lehrerblog.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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