Generation X vs. Generation Internet?

Kommentieren 13. November 2008

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Die Frage, ob und in welcher Form wir uns mit einer neuen Generation konfrontiert sehen, deren Bindeglied das Internet und die mit ihm einhergehende Kommunikationsstruktur ist, wird spätestens seit Schulmeisters Begrifflichkeit der “Net Generation” als legitim angesehen. Wie man sich nun zur konkreten Begriffsdefinition verhält, steht auf einem anderen Blatt. Dass es da aber etwas gibt, was die nach 1980 Geborenen eint, hat in einem Artikel jüngst auch der Tagesanzeiger herausgestellt: Was die Generation Internet ihren Eltern voraus hat.

Ich halte den Artikel für leicht populistisch geschrieben, aber mit der gehörigen Seriosität, sich mit ihm oder besser mit einigen konkreten Thesen auseinanderzusetzen und kurz vor dem D21-Jahreskongress am Freitag anhand dessen einige unserer Projekt-Eckpunkte herauszustellen. Denn – und dies halte ich für bemerkenswert – indirekt stellt der Artikel wesentliche Grundpfeiler unserer Schule in Frage. Es beginnt damit:

Was für die Generation X noch schwer zu akzeptieren war, das ist für deren Kinder völlig normal: die alles durchdringende Kommerzialisierung des Lebens, die auch vor ehemals sakrosankten Räumen wie Schulen und Universitäten je länger, je weniger Halt macht. Für die Digital Natives ist diese merkantile Welt eine Tatsache.

Schule ist kein werbe-, markt- oder konsumfreier Raum mehr. Sich von dieser Illusion zu lösen, fällt derzeit allerdings oft und vielen sehr schwer. Schule wird als geschützter Raum interpretiert, welcher sich den gesellschaftlichen Strömungen insoweit entzieht, als dass Wissen und Bildung als von ökonomischen und kommerziellen Ideen entkoppeltes und möglichst davon unabhängiges Gut verstanden wird. Dem wird dadurch Sorge getragen, dass jeder Ansatz eines vermarktungsintendierten Impulses jeder Art versucht wird, im Keim zu ersticken. Wer in Frankfurt am Main (wo ich mein Referendariat ableiste) an einer Innenstadtschule unterricht, erlebt dies hautnah: Eben ist man noch mit der divers beworbenen U-Bahn gefahren, läuft streckenweise mehr auf weggeworfenen Werbeflyer denn auf Asphalt, wird von Litfaßsäulen und Werbewänden allerorts empfangen – ist quasi permanent auf seinem Schulweg irgendeiner oder mehreren Arten von Werbung ausgeliefert -, um dann in der Schule davon vollkommen befreit den Vormittag zu verbringen. Höchstens der Flyer zur neuen Museumsausstellung schafft es bis ins Klassenzimmer. “Befreit” ist dafür die positive Beschreibung, “entkoppelt” die wohl realistischere. Denn – und da kommen die neuen Medien in Form des Web 2.0 ins Spiel – die digitalen Lebenswelten der Schüler sind eben auch von den vielfältigen kommerziellen Ansätzen durchzogen. Ich habe dies hier im Blog schon öfters damit andeuten wollen, dass zunehmend auffällt, dass unsere Schüler als Kunden für bildungsrelevante Internetangebote wahrgenommen werden. Aufgrund ihres beschriebenen Selbstverständnisses, werden viele Internetangebote zumindest fragwürdig, wenn sich ihre Existenz deutlich auch von offensiven Werbeeinblendungen gestützt sieht. Als Lehrer gerate ich hier in einen Zwiespalt zwischen geforderter Medienkompetenzvermittlung und Entkommerzialisierungsidealen für Bildung.

Dabei hat die “Zielgeneration” hier längst einen pragmatischen oder realistischeren Blick entwickelt:

Was die Digital Natives interessiert, ist, wie man dieses System am besten für sich arbeiten lässt. Wie man am besten davon profitiert. Sie verstehen die Konsumgesellschaft nicht als etwas Böses, sondern fragen sich, wie sie als Konsumenten am besten ihren Einfluss geltend machen, wie man Angebote für sich nutzt und weiß, wie man sich in diesem unübersichtlichen Warenbasar bewegt.

Und genau darin liegt die zunehmend veränderte Rolle von Schule: Als Mentor und verantwortungsbewusster Integrationsbegleiter junger menschen in eine offensichtlich, zunehmend kommerzialisierte Gesellschaft, tue ich keinem Schüler einen Gefallen, im für 6 Unterrichtsstunden am Tag eine entkommerzielle Welt vorzusetzen. Denn – und dies ist das sprachliche Paradox zwischen formuliertem Anspruch und Umsetzung – Bildung wird im so oft als rohstoffarm beschriebenen Deutschland immer offener als “Gut”, “Ware” oder “Wettbewerbs”-Faktor tituliert.

Schule wird sich diesem Wettbewerbsgedanken sowohl intern als auch extern zunehmend stellen müssen. Und der Weg, über den dieser Wettbewerb laufen wird, sind die neuen Medien. Es gilt, die Produzenten, Anbieter und Vertreiber sowohl der Geräte als auch Dienste nicht länger als das “kommerziell Böse” von den Schülern fernzuhalten, sondern ihnen offen den Umgang aufzuzeigen, der sie zu kritischen Konsumenten erzieht, die in der Lage sind, zu erkennen, dass sich viele Web 2.0-Dienste aufgrund von geringen Entgelten oder Werbeeinblendungen finanzieren, es die Aufgabe des erfahrenen Users aber ist, jeden Dienst und jedes Produkt mit kritischem (und somit durchaus werbebewussten) Blick auf seinen individuellen Mehrwert für den eigenen Lern- und Arbeitsprozess einzuschätzen/zu bewerten. Die weitaus größere Gefahr sehe ich in auffällig und bewusst werbe- und wettbewerbsfreien Lernplattformen für den schulischen Raum (Lo-Net2, Moodle usw.), die Schülern keine Gelegenheit bieten, den Umgang mit den vorhandenen Situationen in SchuelerVZ, MySpace & Co zu erproben bzw. begleitet zu erfahren. Dies will ich nicht als Appell verstanden wissen, schulische oder Open Source Plattformen mit Werbung zu pflastern, sondern vielmehr als Anreiz, darüber nachzudenken, wie eng wir die Kriterien ziehen, mit denen wir Dienste und Produkte aus dem Unterricht verbannen.

Ein anderer Aspekt, der im Lehrerzimmer sehr oft zu hören ist, ist die Angst vor der Selbstentblößung von Schülern im Internet. Dabei gibt es auch hier einen durchaus realistischeren Blick, der das Phänomen weniger in die Ecke von jugendlicher Dummheit oder Unerfahrenheit drängt:

Das Web ist für die Digital Natives auch ein Platz des Sehens und Gesehenwerdens: Community-Seiten wie Facebook oder MySpace erfüllen Funktionen, die früher Jugendtreffs oder der öffentliche Dorfplatz der Töffligeneration innehatten. Das ist einer der Gründe, warum Digital Natives so verblüffend viele persönliche Details von sich im Web preisgeben. Wer Leute kennen lernen will, muss von sich etwas erzählen, sich ein wenig öffnen. Diese Erfahrung wird ins Web transferiert, verändert hat sich nur das Medium.

Digitale Räume sind für viele Jugendliche ein Raum des Austausches und kommunikativen Vernetzung. Für Schule und Unterricht – wo ja oft gefordert wird, die Schüler “dort abzuholen, wo sie stehen” – die Möglichkeit, genau dies zu tun und die neuen Meiden als Brückenschlag zwischen privaten Lebens- und institutionalisierten Lernwelten zu nutzen. Die Räume, in denen sich Schüler in ihrer Freizeit bewegen, sind nicht mehr länger für die Schule vollkommen unerreichbar oder nur mit unrealistischem Aufwand integrierbar. Und auch die oft eingewendete Fragestellung, ob es denn wünschenswert sei, in die Lebenswelten der Schüler einzudringen, halte ich für zunehmend fragwürdig, da ich ich derzeit nicht die Schule in die Lebenswelten der Schüler eingreifen sehe, sondern den genau umgekehrten Effekt beobachte. Die digitalen Lebenswelten diffundieren zunehmend durch die Schulmauern und sind über MP3-Player und Mobiltelefone quasi bereits in der Schule vorhanden. Wenn Schüler strahlend berichten, dass sie ihre privaten Kommunikationsräume auf den Schultoiletten ausleben, da im restlichen Schulgebäude jede Form der digitalen Gerätschaft untersagt ist, frage ich mich, welcher Bereich in welchen eindringt.

Der “Digital Native”, das beschreibt der Artikel sehr gut, entwickelt eine neue Form der Identität bzw. der Identitäten. Doch auch im virtuellen Raum werden diese Identitäten nicht aus dem Boden gestampft oder gar vorgebenden, sondern durchlaufen einen Prozess der Identitätsfindung. Sei dies die Charakterentwicklung in einem virtuellen Rollenspiel, die Avatarentwicklung in Second Life oder das sukzessive Wachsen eines SchuelerVZ-Profils. Schüler gestalten ihren digitalen Charakter und ihre virtuelle Identität oft sehr anders als auch im “realen” Raum – nur mit dem Unterschied, dass die virtuellen Prozesse oft schneller und vielfältiger verknüpft und befruchtet ablaufen. In Online Communities ist man nicht nur durch eine Clique oder überschaubare Peer-Group beeinflusst, sonder wird bei seiner Identitätsentwicklung von Millionen Nutzern beobachtet und beeinflusst. Ist Schule dafür nicht zuständig? Welche Rückwirkungen hat so eine virtuelle Identität auf die “analoge”? Können Schüler aktiv zwischen verschiedenen Identitäten unterscheiden? Können Schüler eigenständige Analogien und Ableitungen zwischen und zu in realen und virtuellen Welten ablaufenden Charakter- und Identitätsfindungen herstellen? Wer bei einer dieser Fragen unsicher ist, muss sich unweigerlich eingestehen, dass es in zunehmenden Maße Aufgabe und auch Funktion von Schule und Unterricht werden muss, Schüler bewusst und verantwortungsvoll auf diesem Weg zu begleiten, der für ihre privaten und digitalen Lebenswelten unerlässlich sein wird, wenn sie sich als aktives Mitglied in eine sich immer mehr in virtuellen Netzwerke erstreckende Gesellschaft integrieren wollen und sollen.

Denn – und dies sollte man dabei nicht aus dem Auge verlieren:

Durch MySpace und Facebook kann sich ein Digital Native zudem eine Identität geben, die völlig verschieden ist von seiner Offline-Identität und die sich jederzeit wandeln kann. Das ist ein weiterer Grund, warum Digital Natives viel eher bereit sind, persönliche Informationen einfach so ins Web zu stellen. Eine Einstellung, die für die ältere Generation, die spätestens mit der Schweizer Fichen-Affäre 1989 für Datenschutz und Privacy sensibilisiert wurde, schlicht unverständlich ist.

Und damit komme ich zum dritten Aspekt, welchen in aufgreifen möchte und welcher sich quasi aus den genannten ergibt bzw. aus diesen heraus droht: der Autoritäts- oder besser Akzeptanzverlust von Schule durch digitale Wissens- und Lernräume:

Durch das Internet verschwinden die traditionellen exklusiven Wissensautoritäten zunehmend, das Wahrheitsmonopol der Experten löst sich auf. Die Digital Natives erstellen und konsumieren Wissen vor allem im Web. In den Augen vieler Eltern der Digital Natives ist dies verheerend, sie haben Angst um die Informationsqualität. In ihren Augen müssen höhere Instanzen darüber wachen, dass alles korrekt ist: Der Konsumentenschutz überwacht die Produkte, die Verleger kontrollieren die Information, die Journalisten die Wahrheit, die Dozenten die Bildung. Die Generation X misstraut Information, die nicht über institutionelle Instanzen kommt, daher misstraut sie dem Internet und einer Enzyklopädie wie Wikipedia.

Schule wird in den nächsten Jahren den bisher für selbstverständlich erachteten Alleinstellungsfaktor hiunsichtlich des Erwerbs und Erweiterung von Wissen für jugendliche Menschen verlieren. Lernen wird nicht mehr als auf Schule begrenzt verstanden und wahrgenommen werden, sondern Lernen wird sich zum einen – und dies ja auch bewusst und durch neue Unterrichtsformen gewollt – anders verstehen und im Sinne eines lebenslangen Lernverständnisses zugunsten eines eigenverantwortlichen und selbstgesteuerten Prozesses verändern (immer unter Berücksichtigung der jeweiligen psychologischen Entwicklungsstufe des Lerners). Zum  anderen werden aber neue und andersartige “Autoritäten” auftreten, welche sich bewusst und offen neben dem Lehrer in der Schule positionieren werden, um Schülern Gelegenheiten zu geben, zu lernen. Ob das nun ein weniger kommerzieller Raum wie Wikipedia ist oder beispielsweise durchaus wettbewerbsorientierte Modelle wie das jüngst vorgestellte scoyo. Im Gegensatz zur bisherigen Rolle des edukativen Wissensgarants auch in qualitativer Hinsicht wird Schule unter dem Druck von Web 2.0-Angeboten dieses Selbstverständnis aufgeben müssen, um sich dem dort auftauchenden Wettbewerb in sofern verantwortlich stellen zu können, indem Schule zwar weiterhin auf der Grundlage aber mehr in dem Sinne des Wissens als Ausgangspunkt und weniger des Zielpunkt Schüler dazu anleiten muss, Wissen als etwas sich aus diversen Quellen Speisendes zu interpretieren, welches eines eigenverantwortlichen und selbstbewussten Selektions- und Bewertungsprozesses bedarf. Schülern weniger das konkrete Wissen zu vermitteln als vielmehr die für einen lebenslangen Lernprozess notwendigen Strategien wird der sinnvollere Weg sein, als an einem zunehmend erodierenden Autoritätsanspruch festzuhalten, welcher angesichts massiver und berechtigt auf den Bildungsmarkt drängender Lernalternativen und -ergänzungen nicht haltbar sein wird. Es gilt wie bei den bereits zuvor besprochenen Punkten dafür Sorge zu tragen, in Schule keine Parallelwelten zu etablieren, die sich – sollte bei Schülern dieser berechtigte Eindruck entstehen – von den Ansprüchen aber auch Bedürfnissen der Lerner entkoppeln.

Dabei geht es nicht um die Forderung nach blinder Anpassungswut oder gar Selbstaufgabe von Schule und schulischen Idealen. Die Idee, die hinter den beschriebenen Beobachtungen steckt, ist vielmehr die, Schule – auch mit Blick auf ihre gesellschaftliche Position vor wenigen Jahrzehnten – wieder mehr zu einem Bestandteil von und Ort für gesellschaftliche Strukturen und Entwicklungen werden zu lassen. Das Internet und speziell die Kommunikationschancen des Web 2.0 liefern Schule und auch dem einzelnen Unterricht vielfältige Möglichkeiten, außerhalb von Schule ablaufende Prozesse zeit- und erfahrungsnah zu integrieren und Lernen wieder enger an Lebenswirklichkeiten zu koppeln, als dies mit bisherigen, schulischen, in monate- oder gar jahrelang redigierten Lernwerkzeugen wie Schulbüchern, Workbooks oder Schulfernsehsendungen der Fall war. Seien es Podcasts, Wikis oder Blogs – der Lehrer bekommt Werkzeuge an die Hand, die ihm einerseits die Gelegenheit zu sehr spannenden und lebensweltnahen Lehrszenarien gibt, andererseits ihn aber auch herausfordert, seine Rolle als Wissens-“Vermittler” kritisch zu überdenken.

Sind Informationen, nur weil sie im Web publiziert wurden und durch die Möglichkeiten des Internets erst existieren, zwangsläufig von minderer Qualität als traditionell hergestellte Informationen? (…)

Die Wikipedia-Gemeinschaft zeigt: Zusammen wissen wir mehr als jeder Einzelne. Mehr Köpfe generieren mehr Wissen. In seinem Buch «Die Weisheit der Vielen» legt der Soziologe und «The New Yorker»-Kolumnist James Surowiecki anhand unzähliger Beispiele dar, wie stark und mächtig kollektive Intelligenz ist. Die Digital Natives stellen das Generation-X-Verständnis «die Masse ist dumpf, dumm und gefährlich» auf den Kopf.

Diese drei Aspekte führen, wenn man sie konsequent weiterdenkt und dabei keine Angst für Neuem und vielleicht auf Arbeitsintensivem hat zu einer richtigen Beobachtung, mit der ich als auch der Artikel schließen will. Schule wird sich strukturell hinterfragen und positionieren müssen:

Auch im Job machen Digital Natives vieles anders als ihre Eltern: Sie ziehen zwischen Arbeit und Privatleben keine scharfe Linie, arbeiten vernetzt und nach Fähigkeiten, statt isoliert und nach zugewiesenen Funktionen. Sie wählen ihren Arbeitsplatz nach ihrer Vision, statt nach dem Status einer Firma. Und sie wollen flache Hierarchien. (…)

Im Internet verlieren die Wissenden ihre Autorität, Intelligenz ist hier kollektiv.

Verbindung von Lern- und Lebenswelten sowie dafür notwendige, flache Hierarchien im schulischen Bereich werden Herausforderungen sein, die momentan noch in einem produktiven Prozess auf gleicher Augenhöhe aller Beteiligten angegangen werden können und nicht so lange herausgeschoben werden sollten, bis die Forderungen der einen Seite lauter werden als dann vielleicht zunehmend konfrontative Gegenpositionen eher kritischer oder konservativer Sichtweisen.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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