Audiyou – neue Töne fürs Klassenzimmer

Kommentieren 07. November 2008

Bereits am Dienstag hatte ich ein längeres und spannendes Gespräch mit Stephanie von Audiyou. Ich hatte mir die Plattform bereits vorher und unabhängig von dem Kontakt angesehen und muss gestehen, etwas skeptisch gewesen zu sein, ob sch dahinter ein unterrichtstaugliches Tool verbirgt.

Doch nach erneuter Betrachtung kommen mir zunehmend Ideen, wie sich diese Plattform auch für den Unterricht verwenden ließe. Doch erstmal, was ist Audiyou?: Im Grunde ist die Idee recht einfach, denn Audiyou bietet einem eine Plattform zum Austausch von Audiodateien. Stephanie bezeichnet es als Youtube für Töne und ich glaube, dieser Vergleich trifft es recht gut.

Dadurch wird aber Audiyou zugleich zu einer Plattform, die vom Mitmachen lebt, da es sich nicht im eine Bereitstellung, sondern um einen Austausch handelt. Dieser wird allerdings redaktionell betreut und jeder Beitrag wird zuerst intern geprüft, was gerade auch für den Schuleinsatz die oft geforderte Sicherheit hinsichtlich der Inhalte liefert. Ich stehe diesem Modell der redaktionellen Kontrolle über user generated content ja prinzipiell etwas skeptisch gegenüber, da ich der Meinung bin, dass die Auseinandersetzung und der Umgang mit offenen Plattformen ein wesentlicher Bestandteil schulischer Medienarbeit sein sollte. Und gerade die Aufgabe des Selektierens sollte den Schülern nicht abgenommen, sondern zusammen mit ihnen trainiert werden. Aber natürlich sehe ich auch die Gründe, die für geschützte Räume sprechen und Audiyou bietet in meinen Augen einen Mittelweg, mit dem Verfechter beider Seiten gut leben können. Und wer sich zuvor kurz mit den Betreibern in Verbindung setzt, bekommt seine Uploads auch sehr zeitnah freigeschaltet, so dass sich Produktions- und Reflexionsphase koppeln lassen, ohne zu große Zeitlücken durch den Freischaltungsprozess entstehen zu lassen. Evtl. wäre es eine Idee für die Plattform, “vertrauenswürdige Nutzer” einzurichten, deren Beiträge sofort online gehen.

Inhaltlich ließe sich die Plattform sicher auf 2 Arten in den Unterricht integrieren:

  1. Fundgrube: Audiyou verfügt bereits über eine beachtliche Anzahl von Geräuschen und wer nach Stichworten wie “Flugzeug”, “Auto” oder “Fluss” sucht, bekommt direkt einige Tondokumente angeboten. Diese lassen sich von den Schülern für eigene Produktionen verwenden. wer in seiner Klasse mit Podcast arbeitet, wird hier einen reichhaltigen Pool mit nutzbaren (auch legal) Tonspuren finden.
  2. Plattform: Als Plattform dient Audiyou, wenn es darum geht, die im Unterricht entstandenen Produkte zu präsentieren. Natürlich – so ließe sich einwenden – kann ich mein eigenes Moodle dazu nutzen. Oder eine der diversen aus dem Boden sprießenden Online-Festplatten. Doch Audiyou liefert eine deutschsprachige und tonaffine Community mit, in die die Produkte integriert werden können. Zudem besteht die Möglichkeit, sich über die Gästebücher der einzelnen Teilnehmer Feedback zu geben (hier wäre es toll, wenn man zu den einzelnen Beiträgen direkt Kommentare hinterlassen könnte). Sauber verschlagwortet kann man so den Hörerkreis über den Klassenraum erweitern (mit Phantasie-Tags kann man auch schnell einen eigenen Klassenraum in Audiyou aufbauen, damit die Schüler die Beiträge der Mitschüler schnell finden).

Die technische Ausstattung für Audioproduktionen wird zunehmend kostengünstiger und oft bringen die Schüler bereits leistungsstarke Aufnahmegeräte in Form von Handys und MP3-Playern mit. Zudem ermöglichen diese geräte eine sehr große Flexibilität, da der Rechner ja für die konkrete Produktion nicht notwendig ist und erst in der Phase des Uploads und des Austauschs/Feedbacks hinzukommt und den Unterricht entlastet. Denn über Lautsprecher die einzelnen Schülerproduktionen zu würdigen kostet Zeit, die über die plattforminterne Kommunikation entlastet werden kann.

Podcastproduktionen eignen sich in meinen Augen in nahezu allen Unterrichtsfächern: In Deutsch kann Lyrik neu vertont oder durch das Einsprechen lebendig gestaltet und interpretiert werden, in Politik können Nachrichten oder aktuelle themen in eigenen Kurzradioproduktionen bewertet und analysiert werden, im Chemieunterricht kann das Versuchprotokoll eine neue Form oder auch nur eine Gedächtnisstütze erhalten, der Fremdsprachenunterricht bekommt eine schöne Möglichkeit der Sprachanwendung und im Geschichtsunterricht sind journalistische Produktionen zu historischen Ereignissen sicher eine willkommende Alternative zur klassischen Quellenanalyse. Ich muss gestehen, bisher nur sehr vereinzelt mit Tonproduktionen im Unterricht gearbeitet zu haben, bekomme aber von kollegen mit breiteren, derartigen erfahrungen größtenteils nur sehr positive Rückmeldungen. Und in Verbindung mit dem Web 2.0-Gedanken bekommen Schüler im wahrsten Sinne des Wortes wieder eine “Stimme”, die im Unterricht allzuoft aus organisatorischen Gründen nicht gehört werden kann.

Oder wie wäre es, die Lebenswelten der Schüler darüber in den Unterricht zu integrieren. Zuhause, auf dem Heimweg oder bei Freizeitaktivitäten aufgezeichnete Tonschnipsel, könnten im Unterricht auch zur Steigerung der allgemeinen Medienkompetenz zusammengestellt und arrangiert werden. Ein Oberthema gibt dem Ganzen evtl. noch mehr Struktur und Anreize: “Wie hört sich mein Schulweg an?”, “Wie klingt mein Haustier?”, “Mein Lieblingsgeräusch vom Wochenende?”, “Freundschaftsinterviews” usw. Schüler erleben außerhalb der Schule so viel und haben zudem auch oft ein hohes Mitteilungsbedürfnis diesbezüglich.

Audiyou bietet somit ein Forum, welches derzeit noch in den Anfängen steckt aber bereits gute Ansätze liefert, die sich nutzen lassen. Zumindest bietet sie einen guten Ausgangspunkt aufgrund der vielen bereitstehenden Geräusche, die auf Neuarrangements warten. Schließlich liefert die (noch ausbaufähige) Feedbackmöglickeit ein unetrrichtsrelevantes Feature, das Audiyou von reinen Speicherplattformen abhebt. Und nachdem ich mich davon überzeugen konnte, dass hinter der Plattform ein Team mit gehöriger Portion Herzblut steckt, die keineswegs einen kommerziellen Anreiz hinter der Plattform sieht, sondern im Gegenteil sehr bewusst auf die freie Verfügbarkeit setzt, kann man durchaus mal einen Blick riskieren. Der Hamburger Bildungsserver empfiehlt seinen Schulen Audiyou.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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