Bester IT-Lehrer verlässt die Schule

Kommentieren 17. October 2008
http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,583688,00.html 

Preis-Panne: Merkel kürt IT-Superlehrer – doch der ist keiner mehr – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – SchulSPIEGEL via kwout

Ungleichzeitigkeit ist wohl das Stichwort, was dieses im obigen Artikel beschriebene Dilemma am ehesten trifft: Schule hinkt im Moment mächtig hinterher. Und sie hinkt nicht nur hinterher, sondern wird regelrecht abgehängt. Nun kann man behaupten, dies sei durchaus sinnvoll und implementiert, um nicht Gefahr zu Laufen, dass Schule auf jedes durch die Manege getriebene Pferd aufspringt, um nach kurzer Zeit zu merken, dass es sich um einen Irrläufer gehandelt hat. Doch ist diese Befürchtung in Sachen IT und Internet wirklich noch angebracht?

Es ist schade zu hören, dass offenkundig engagierte Kollegen aus diesen Gründen der selbstverschuldeten Langsamkeit abspringen, so lange sie noch können. Dieses Post ist somit vollkommen frei von jeder Kritik an der Panne bei der Preisverleihung. Vielmehr wird durch den Spiegel-Online-Artikel eine Situation deutlich, die mir bereits während meines Studiums aufgefallen ist: Für viele dort draußen wirkt es wie die letzte Möglichkeit, sich für die Schule zu entscheiden. Zudem wenn es um neue Medien geht, muss man oft aktiv darauf hinweisen, wie sinnvoll diese in Schule eingesetzt werden können und welch großes Potential dort steckt.

Auch auf dem EduCamp begegnete mir wieder die Einschätzung, dass an den Schulen diejenigen, die sich um die Medien kümmern oft Einzelkämpfer und mit der Konfrontation des restlichen Kollegiums gesegnet seien. Dies mag hier und da stimmen, auf der anderen Seite kann man an Schule auch viel bewegen. Denn hier sitzen die User von morgen, hier besteht die reale Chance, Internettools wirklichen Mehrwert zu geben. Woher kommt also die befremdliche Außenwahrnehmung? Und wie kommt es zu Entscheidungen, dass die besten IT-Lehrkräfte die Schule verlassen?

In meinen Augen mangelt es oft an zwei Dingen:

  • Teams: Lehrer sind sehr oft Einzelkämpfer – alleine vor der Klasse, alleine daheim am Schreibtisch. Dem steht kaum etwas krasser gegenüber als das Web 2.0. Wie soll also eine Kommunikationsform, die auf schnellem, freien und kollaborativen Austausch ausgerichtet ist, an einem Arbeitsplatz greifen, an dem oft jeder vor sich alleine herumwurschtelt. Dies kann nur gehen, wenn sich diese Arbeitskultur die neue Kommunikationskultur zu nutze und zu eigen macht. Wie schon so oft gefordert, werden wir mit einem neuen Lehrerprofil konfrontiert: der vernetzte Lehrer, der Lehrer als Neuron (nach Jean-Pol Martin – Teil 1, Teil 2) und der Lehrer als Teamplayer.
  • Freiheit: Dies ergibt sich aus dem obigen. Denn Lehrer können erst “Web 2.0-like” agieren, wenn sie Freiheit haben. Sämtliche Nutzung des Web 2.0 ist – und das macht es so spannend – ergebnisoffen. Wer ein Web 2.0-Tool nutzt, weiß häufig nicht genau, wie das Ergebnis konkret aussehen wird. Dies liegt daran, dass man nicht alleine auf dem Weg ist, sondern in Gemeinschaft mit vielen anderen, die einen nicht nur beeinflussen, sondern sich aktiv am Prozess beteiligen. Eine solche Denkweise lässt sich nur schwer mit dem aktuellen Zustand von Lehrplänen vereinen. In der schulischen Praxis wird dies deutlich, wenn es zur Leistungserhebung kommt. So lässt sich vereinzelt ein sinnvoller Einsatz von neuen Medien in Unterrichtszenarien ersinnen, spätestens, wenn es dann  z.B. zur Klassenarbeit kommt, sind alle diese Ideen aber wieder auf Eis gelegt und man packt die herkömmlichen Methoden aus.

    Und Freiheit braucht es auch für die gesamte Schule, womit der Teamgedanke wieder ins Spiel kommt. Denn erst wenn gemeinschaftlich die möglichen Freiräume genutzt werden, wird es auch möglich, das Einzelkämpfertum zu durchbrechen. Wie ist umzugehen mit Datenschutz, Persönlichkeitsrechten und Urheberrecht? Wie weit darf sich der Einzelne vorwagen, wie weit wird er vom Arbeitgeber und dem Kollegium getragen, unterstützt und geschützt? Wie eng darf die Zusammenarbeit mit Externen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Privatleben aussehen? Wie viel Werbung und Fremdeinfluss (welche ich mit dem internet automatisch zulassen muss) sind gewollt?

Dies sind sicher nicht die einzigen Punkte und dies soll auch kein Patentrezept darstellen. Dies sind lediglich zwei der mir am meisten aufgefallenen Punkte. Dass es durchaus mehr gibt, zeigt ein Artikel mit dem Titel “Warum ich nicht mehr Lehrer bin – Ein Berufsstand verzweifelt an tausend Ansprüchen“, welchen ich dank Tamim von Cobocards (via twitter) gefunden habe.
Doch gerade im Bereich IT und neue Medien bewegen wir uns in einem Bereich, der eine Schnelllebigkeit in die Schule bringt, auf die diese offenbar nicht ausgelegt ist. Die schulischen Strukturen werden von einer Dynamik überrollt, die sich unmittelbar bemerkbar macht, in der Form, dass sie selbst bei gutem Willen seitens der Lehrer alleine nur schwer zu bändigen ist, da ihnen Rahmenvorgaben immer wieder Fallstricke bauen, die den Einsatz und den angemessenen Umgang mit Web 2.0 & Co ausbremsen. Diese zu beheben oder zu entlasten ist sicher keine Hexerei, was vielmehr fehlt, ist eine eindeutige Positionierung, wie mit diesem “Trend” umzugehen ist. Und dies kann der einzelne Lehrer alleine nicht entscheiden oder begibt sich mit solchen Entscheidungen automatisch in für ihn unbefriedigende Grauzonen.
Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.
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