EduCamp Berlin – erste Eindrücke

Kommentieren 13. October 2008

Gestern ist das EduCamp in Berlin zu Ende gegangen. Eine für mich sehr spannende und interessante Veranstaltung. Ein paar meiner Eindrücke möchte ich gerne auch hier festhalten und zur Diskussion stellen:

  1. Barcamp: Das EduCamp ist in Form eines BarCamps organisiert. Ich bin mit großer Neugierde angereist, da ich dieses Modell noch nie erlebt habe. Im Nachhinein muss/kann ich bestätigen: Es funktioniert. Und durchaus gut. Es gab viele Sessions mit unterschiedlichen Schwerpunkten, die es wohl erlaubt haben, dass jeder etwas gefunden hat. Zumindest habe ich selten größere Gruppen herumstehen sehen aus der Not heraus, keine interessante Session zu finden. Ich glaube aber auch, dass dies so gut funktioniert hat, da – wenn ich das richtig gesehen habe – wenige Lehrer vor Ort waren.
  2. Teilnehmer: Damit komme ich zu einem zweiten Eindruck, der hängen geblieben ist: Es wurde oft über jemanden/etwas geredet und nicht mit jemandem. Ich konnte viele tolle Ideen rund um Schule und Web 2.0 sammeln und mitnehmen. Dies resultiert aber vor allem aus der Tatsache, dass ich auf viele Menschen getroffen bin, die Schule oft nicht in der tagtäglichen Praxis von innen kennen, sondern mit einem externen Blick darauf schauen. An manchen Stellen, war mir das Ungleichgewicht zwischen Austausch und abstrakter Diskussion etwas zu stark, an manchen stellen habe ich mich aber sehr gefreut, auch mal wieder zu sehen, wie “wir in der Schule” “da draußen” eigentlich wahrgenommen, eingeschätzt und bewertet werden.
  3. Interessen: Und aus den Teilnehmern folgt auch mein dritter Eindruck, der darauf abzielt, dass ich viele verschiedene Interessen wahrgenommen habe, die ich teilweise so bewusst im Zusammenhang mit Schule nicht realisiert hatte. Zwar haben wir auch Industrie- und Medienpartner im D21-Projekt, aber am Wochenende habe ich eine noch intensivere Interessenlage kennen gelernt. Ich möchte exemplarisch (und ich hoffe, diejenigen nehmen mir das nicht übel) die anwesenden Vertreter von cobocards und sofatutor ins Feld führen, die ihre Interessen und Motive vorgestellt haben und mit denen ich sprechen konnte. Und ich stelle fest: Schule und Bildung fängt immer mehr an, nicht mehr nur in der Schule stattzufinden. Außerhalb der Schule entwickeln sich Modelle und Bestrebungen, die versuchen, unseren Schülern Tools und Werkzeuge an die Hand zu geben, mit denen sie lernen können/sollen. Hier im Blog stellen wir ja auch diverse davon vor. Auffällig ist, dass diese Dinge außerhalb der Schule entwickelt werden. Weiterhin auffällig ist, dass die Entwickler nur begrenzte Einblicke in Schule haben. Und zum Dritten – und das ist mein Hauptpunkt – ist auffällig, wie schwer es diesen Leuten offenbar fällt, Kontakt zu Schulen aufzunehmen. Wie bekomme ich Kontakt? Wen muss ich ansprechen? Wie spreche ich Schulen an? Dies sind Fragen, die dort unter den Nägeln brennen. Das zeigt, dass wir uns noch nicht weit genug geöffnet haben. Und dabei zeigt sich für mich, dass wir seitens der Initiative D21 auf dem richtigen Weg sind, wenn wir versuchen, den direkten Kontakt zwischen Industrie und Entwicklern und Schulen zu intensivieren und zu stärken. Denn es kann nicht die alleinige Aufgabe des Lehrers sein, die Web 2.0-Tools zu nehmen und ihnen einen didaktischen Mehrwert zu geben. Wenn ich mir diese kleinen “Startups” ansehe, ist es sicher effektiver, den direkten Kontakt herzustellen und mit einem klaren und gemeinsamen Blick die Potentiale des Web 2.0 anzugehen. Denn das Interesse – das hat sich am EduCamp deutlich gezeigt – ist beiderseits vorhanden.
  4. Geld: Dies knüpft an die Interessen an und soll im Moment als Eindruck ohne weitere Wertung stehen bleiben, da ich mir noch nicht gänzlich klar darüber bin, wie man sich seitens Schule dazu positionieren sollte: Unsere Schüler werden als Geldquelle wahrgenommen! Es werden Web 2.0-Tools – wobei ich mich frage, inwieweit bei derartigen Interessen noch von Web 2.0 zu sprechen ist – entwickelt, die offen, von Beginn an intendiert und sogar offensiv darauf ausgelegt sind, Schüler, Eltern, Schule für die Nutzung bezahlen zu lassen. Und wenn man z.B. die Macher von sofatutor fragt, worin sie ihren Mehrwert gegenüber anderen Videoplattformen sehen, bekommt man zur Antwort, dass man als Videoproduzent Geld verdienen könne. An manchen Schulen gibt es ja bereits Ansätze, kleine Firmen innerhalb der Schule zugründen, in denen die Schüler als Unternehmer auftreten und so live wirtschaftliche Prozesse kennen lernen. Diese Modelle – so die Berichte einiger Kollegen auf unserer Tandem-Tagung – funktionieren in der Tat erfolgreich und könne sich behaupten (wenn wahrscheinlich auch immer mit einem kleinen sozialen Bonus, dass es sich um Schüler handelt, die von den Auftraggebern vielleicht doch anders wahrgenommen werden). Wäre es also bedenkenswert, eine Arbeitsgemeinschaft oder ein Projekt an Schulen zu initiieren, die den kapitalistischen Ansatz dieser Tools aufgreifen und wir unsere Schüler Content erstellen lassen, für den sie finanziell ent-/belohnt werden? Stichworte: “learning for life”, “teaching for the test”, “learning for money”?

Sicher wird der eine oder andere Gedanke mal wieder in anderem Zusammenhang im Blog auftauschen. Ich nehme diese Eindrücke jedenfalls dankend vom EduCamp in Berlin mit und bin gespannt, ob das nächste EduCamp wieder so günstig in den Ferien – und nicht nur denen weniger Bundesländer – liegen wird oder man sich seitens der Initiatoren darum bemühen wird, Schulpraktikern Anreize und Möglichkeiten zu geben , solche Veranstaltungen in den schulischen Rhythmus zu integrieren – wie wir es bei unseren Workshops versucht haben -, um vielleicht auch mehr Lehrer und Pädagogen zu solchen Treffen zu locken. Ich würde mich freuen, auch beim nächste Mal dabei sein zu können.

Dieses Post wurde erstelt von René Scheppler.

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