Live-TV im und aus dem Klassenzimmer

Kommentieren 02. October 2008

Gestern habe ich bereits über einen Beitrag zur Medienerziehung der George Lucas Educational Foundation gepostet und ein paar Gedanken zum Umgang mit diesen Medien in der Schule geäußert. Heute nun ein sehr junges und für mich sehr spannendes Tool. welches erlaubt Live-TV zu produzieren und mit einem Klick sofort on air zu bringen. Hinzu kommen recht professionelle Features. Und das ganze Web 2.0-like im Browser und kostenlos.

Nun möchte ich make.tv nicht selber beschreiben, sondern einen großen Dank an Jörn von mac-tv.de senden, der mir deren Beitrag vom Wochenende zur Verfügung gestellt hat, in dem sehr anschaulich aufgezeigt wird, welches Potential sich hinter make.tv verbirgt:

Somit bekommt nun jeder – und auch jede Schule – ein nahezu komplettes Fernsehstudio frei Haus geliefert. Die Möglichkeiten, die sich damit ergeben, sind in meinen Augen nicht nur umfangreich, sondern so innovativ, dass sich neben einer gehörigen Portion Medienkompetenz auch viel Spaß in den Unterricht (oder wohl eher das jeweilige Projekt) holen lässt. Denn eines sei gleich vorweg geschickt: Ich halte make.tv nur bedingt geeignet für den einmaligen/punktuellen Einsatz im 45-Minuten-Unterricht, sondern sehe sein Einsatzgebiet in der Projektarbeit und dem fächerverbindenen Unterricht.

Zur Technik: Make.tv liefert viel. Die Schule braucht einen leistungsstarken Rechner für größere Projekte. Aber selbst mein eeePC schafft problemlos einen Stream mit der eingebauten Kamera. Wer dann noch eine bessere Digitalkamera (die heutzutage durchaus zu akzeptablen und schulkompatiblen Preisen zu erwerben sind) an der Schule sein Eigen nennt, ist in meinen Augen schon komplett ausgestattet – für die schulischen Zwecke allemal. Was ich damit sagen will, ist, dass wir inzwischen nicht mehr komplette Fernsehstudios brauchen, sondern viele neueren Geräte eine Technik mitbringen und auf Services zugreifen können, die für den semi-professionellen Einsatz durchaus zufriedenstellende Ergebnisse ermöglicht.

Zu den Ideen:

  • Schulfernsehen: An meiner Uni gab es ein kleines Fernsehteam, das Beiträge öfters über einen Beamer in der Eingangshalle gezeigt hat. In der Schule der Zukunft sehe ich durchaus ähnliches (auch für andere Zwecke wie digitalen Vertretungsplan und Infoscreen), das sich eignet, um eigene Beiträge zu präsentieren. Dazu erlaubt make.tv natürlich das Aufzeichnen und spätere Abspielen. An einer meiner Praktikumsschulen gab es ein Radioteam, welches ein Schulradio produziert hat und dann live in mehreren Pausen in einem Raum der Schule präsentiert hat. So eignet sich wahrscheinlich jede Aula ebenso dafür, zuvor produzierte Beiträge einem breiten Schulpublikum vorzuführen. Mit dieser Idee sind wir nicht weit weg vom Video-Podcast, erweitern ihn aber um die live-Komponente.
  • Fremdsprachen: Hier sehe ich besonders große Chancen. Wie wäre es mit einer eigenen Nachrichtensendung zu aktuellen Themen in Englisch? Oder verschiedene Schülerteams, die mit kleinen Digitalkameras den Französischunterricht ihrer Mitschüler aller Altersklassen besuchen und kleine Interviews zu schulischen Belangen führen, die im Nachhinein via make.tv gebündelt und gesendet werden? Ein Ausflug zum Frankfurter Flughafen, wo man sicher viele fremdsprachige Personen antrifft, die sich interviewen lassen? Ich könnte mir aber auch vom Lehrer vorbereitete Beiträge vorstellen, auf die die Schüler mit der in ihren Laptops integrierten oder per USB angeschlossenen Kameras antworten.
  • Austausch: Austauschprogramme werden derzeit wohl am häufigsten per Brief- oder inzwischen Mailkontakt angebahnt bzw. vorbereitet. Der Einsatz von Skype ist sicher hier und da auch kein Fachchinesisch mehr. Doch hat schonmal jemand einfach eine Livesendung über die Länder- und Sprachgrenzen hinweg produziert? Ich stelle es mir sehr spannend vor, wenn in Frankreich eine Schülergruppe vor den Webcams sitzt und in Deutschland via make.tv Regie für eine gemeinsame Fernsehsendung mit vorher erarbeiteten Beiträgen und Live-Zwischenmoderationen geführt wird. Oder wie wäre ein Live-Stream aus dem Computerraum oder mittels des mitgenommenen Laptops aus der englischen Schule oder von der spanischen Küste, um der daheim gebliebenen Schulgemeinde eine Grußbotschaft bzw. einen Zwischenbericht zu senden? Aufgezeichnet können solche Sendungen bestimmt auch eine gute Einstimmung/Vorbereitung für spätere Austauschfahrten sein. Man muss nichts mehr hochladen, irgendwelche Server bemühen, sondern klappt den Laptop auf und legt los (anytime and anywhere!).
  • Abwesende Schüler: Hier kratzen wir mal wieder an der beliebten Frage, wie öffentlich Schule sein soll. Live-Streams aus dem Klassenzimmer bzw. deren Aufzeichnung lässt sich sicher auch mit anderer Software erreichen. Aber make.tv kommt ohne Software aus und ist damit systemunabhängig.
  • Schulprojekte: Mit Hilfe derartiger Techniken lassen sich sicher auch gut klassen-/schulübergreifende Projekte realisieren. So muss vielleicht nicht jede Klasse alle chemischen Versuche durchführen, sondern man kann sich mit Parallelklassen (an der eigenen oder fremden Schule) verabreden, die Versuche aufzuteilen, per Webcam zu dokumentieren und dann zum Abschluss eine gemeinsame Chemiesendung zu erstellen mit Zwischen moderationen und dem Einspielen der unterschiedlichen Kleinbeiträge – bestimmt ein tolles Produkt, welches sich man auch daheim in Vorbereitung der Klassenarbeit gerne nochmals ansieht.
  • Lehrerbildung: Gestern habe ich an einer lehrerbildenden Veranstaltung des Landesinstitut für Pädagogik und Medien in Saarbrücken teilgenommen, auf der eine Software von Adobe zum Einsatz kam und es so erlaubte, dem Vortragenden ein Podium zu geben, aber zugleich die Teilnehmer aktiv mit einzubinden, ohne dass diese nach Saarbrücken reisen mussten (Aufzeichnung der Veranstaltung – evtl. in einem späteren Post mehr dazu). Besonders im Referendariat bekommt mit derartigen Techniken jedes Studienseminar Möglichkeiten an die Hand, die oft bei “Flächenseminaren”, deren Mitglieder lange Anfahrtswege in kauf nehmen müssen, schwelenden Probleme zumindest zu reduzieren. Denn die gestrige von Jürgen Wagner geleitete Veranstaltung hat mir durchaus mehr gebracht als manche Seminarveranstaltung, die ich nicht vom eigenen Arbeitsplatz sondern nur nach vorheriger Anreise besucht habe. Angesichts der Tatsache, dass zumindest an meinem Seminar, die teilnehmerzahlen oft überschaubar sind, könnte ich mir gut vorstellen, dass meine leidgeprüften Kollegen, die von An- und Abfahrtszeiten von mehreren Stunden berichten vielleicht in naher Zukunft den einen oder anderen Weg erspart bekommen, wenn eher theoretisch ausgerichtete Veranstaltungen im virtuellen Raum stattfinden. Die Technik für eine sofortige Umsetzung ist kostenlos verfügbar.

Ich könnte mir an dieser Stelle wohl noch diverse Szenarien für Präsentationen im Kunstunterricht für die Eltern und Großeltern über selbstproduzierte Lehrsendungen von Schülern für Schüler (11.-Klässer erstellen beiträge für 6.-Klässler) bis hin zur Einbindung externer Experten (wie in der gestrigen Lehrerfortbildung beispielsweise ein Kollege aus dem arabischen Raum live einen  Vortrag hielt).

Zur Medienkompetenz: Viele Dinge lassen sich sicher auch mit anderen Software- oder Hardwarelösungen realisieren. Der besondere Reiz bei make.tv liegt aber sicher in dem Live-Faktor. Denn hier gilt es wirklich, im Vorfeld tragfähige Sendekonzepte und – abläufe auszuarbeiten, da solche Sendungen ja direkt gesendet werden können. Man muss sich also bei einer nachrichtensendung in Französisch nicht nur Gedanken über die sprachliche Richtigkeit, die saubere Aussprache oder deren inhaltliche Tragfähigkeit machen. Hinzu kommen überlegungen zum adretten Erscheinungbild des Moderators für eine Live-Sendung, die Abfolge der Beiträge und deren Passung zueinander bis hin zur Überlegung, wie und womit bei plötzlichen Ausfall eines Beitrags oder einer Live-Schalte ins Büro des Schulleiters reagiert wird. wie produziere ich die richtige Stimmung zu welchem Thema? Wie wirkt sich Hintergrundmusik aus? Schaffe ich es wirklich mit Hilfe des Blue-Box-Effekts meinen Zuschauern zu suggerieren, dass ich Live aus einem Londoner Subway-Bahnhof berichte? Besonders schön bei make.tv ist in dieser hinsicht für mich, dass es möglich wird, dass Publikum einzubinden oder im Nachhinein um Feedback zu bitten. Ich kann meine Sendung einem speziellen Publikum zugänglich machen und sie nach ihrer Wahrnehmung fragen. Ich kann zeitgleich die gleiche Sendung mit unterschiedlichen Moderatoren oder einem veränderten Sendeablauf erstellen und die Unterschiede evaluieren, die sich durch kleine Veränderungen ergeben.

Denn erst, wenn ich selber Fernsehen produziert habe, werde ich mir bewusst, was mir da tagtäglich von der tagesschau ins Haus gesendet wird. erst wenn ich selber mehrere, naturwissenschaftliche Experimente durchgeführt und am Ende eine Überblickssendung mit den wichtigsten Erkenntnissen produziere, werde ich merken, wie viel Filmmaterial für gutes Bildungsfernsehen notwendig ist (und wie viel verloren geht auf dem Weg zur Sendung).

Fazit: Mit make.tv bekommt jede Schule ein Fernsehstudio mit erstaunlichen Features in den Klassenraum oder zumindest in den Computerraum geliefert, mit dem sich sofort arbeiten lässt. Es braucht keine besonderen Sicherheitsvorkehrungen, da man aufgrund der Lauffähigkeit im Browser nichts kaputt machen kann. Die Bedienung ist einfach bzw. schnell erlernbar und es braucht seitens der Schule außer einem schnellen Internetanschluss keine zusätliche, aufwendige Ausstattung (vom Kameraequipement abgesehen). Die Ausstattung mit Kameras ist sicher den jeweiligen Anforderungen anzupassen: Einfache Projekte lassen sich mit einfachen Webcams realisieren; kleine kostengünstige Digitalkameras sind in kleinerer Stückzahl für Gruppenarbeiten sicher übers Schulbudget erschwinglich oder vom Förderverin bzw. Sponsoren finanzierbar; und für größere Projekte ist eine Leihgabe aus Medienzentrum für die ersten Versuche denkbar.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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