Handys in Schule und Unterricht

Kommentieren 29. September 2008

Mobiltelefone und Schule: Das ist wie Feuer und Wasser! Nimmt man dann noch MP3-Player hinzu, dann ist die Achse des Bösen für viele Pädagogen an (nicht nur) deutschen Schulen schnell ausgemacht. Verbote scheinen da derzeit das einzige Mittel zu sein, das gegen so massiv (also in nahezu jeder Schülertasche) und allgegenwärtig auftretende Feinde ins Feld geführt werden kann. Ausschalten, konfessieren, bestrafen – und wehe, ein Kollege bricht aus dieser Allianz vereinbarter Sanktionierung aus.

Die Verbreitung von Handys ist in Deutschland mittlerweile unbestritten:

http://www.zeit.de/2007/38/Tabelle1

Handy-Flut: Die Verbreitung von Informationstechnologie | Nachrichten auf ZEIT ONLINE via kwout

Doch an Schulen existiert noch immer eine Art Parallelgesellschaft, die ihren Teilnehmern eines ihrer wichtigsten Kommunikationsmedien rigoros verbietet. Nun könnte man sich an dieser Stelle philosophische Gedanken machen, ob Schule Bestandteil der Gesellschaft mit allen ihren Vor- und Nachteilen soll oder lieber ein geschützter Raum mit eigenen Gesetzen und Regeln, bewusst von der Außenwelt unterschieden. Doch ich möchte in diesem Beitrag eher vom Nutzen der mobilen Technologie für Schule und Unterricht ausgehen und eine aktuelle Studie von Elizabeth Hartnell-Young and Nadja Heym (Learning Sciences Research Institute University of Nottingham) mit dem Titel “How mobile phones help learning in secondary schools” in den Blick nehmen:

This study was commissioned by Becta through a research grant related to the UK Government’s e-strategy “Harnessing Technology”.

In spite of school policies banning mobile phones in class, teachers in three schools explored ways of using students’ own phones and borrowed smart phones for learning. As a result, students had permission to use the mobiles for activities such as: timing experiments with the stopwatch; photographing apparatus, models, and experiments for reports; bluetoothing project material between group members; receiving SMS & email  reminders from teachers; synchronising timetables and setting reminders; connecting remotely to the school learning platform; accessing revision sites on the Internet; creating short narrative movies; downloading foreign language podcasts; using GPS to identify locations, and transferring files between school and home.

http://partners.becta.org.uk/index.php?section=rh&catcode=_re_rp_02&rid=15482

Bereits dieser Abstract zeigt deutlich die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von Mobiltelefonen, die inzwischen deutlich mehr beherrschen als das reine Telefonieren. Zu Beginn möchte ich ein paar Gründe sammeln, warum Schulen so strikt gegen dieses neue Medium vorgehen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit und aus meinen eigenen Beobachtungen an Schulen):

  • das Potential (abgesehen von Telefonie und SMS) neuester Handygenerationen ist weitestgehend unbekannt
  • Kontrollverlust: Handys sind so klein und individuell zu bedienen, dass die Lehrkraft – selbst wenn sie wollte und dürfte – keine Kontrolle/Einsicht haben kann, was der Schüler macht.
  • Präsentationsmöglichkeit: Handys werden als abgeschlossene Einheit wahrgenommen. Man kann sie nicht per Beamer an die Wand werfen, noch schwerer als einen Computer gemeinsam nutzen.
  • Vielfalt: Es gibt so viele verschiedene Handys mit unterschiedlichen Funktionen und Menuführungen, dass der Lehrer schnell die Übersicht verliert und auch nicht individuell beraten kann, wie was auf welchem Modell funktioniert (kein Plädoyer fürs Einheitshandy meinerseits!).
  • öffentliche Wahrnehmung: Handys gelten als permanent und in unpassenden Momenten geltende Landplage. “Permanente Erreichbarkeit” wird oft negativ konnotiert.
  • Gefahr des Wettrüstens: Schüler könnten indirekt veranlasst werden, immer neuere und teurere geräte zu kaufen (vgl. Diskussion um Markenkleidung).
Was wurde nun in Nottingham versucht?:
During the nine-month experiment, 14 to 16-year-old pupils used the phones for a wide range of educational purposes (…)
Participating schools

Three sets of secondary school teachers volunteered to be involved from the outset, from two single schools and one cluster, which are labelled A, B and C. They chose individuals and class groups to participate, with the result that the cohort comprised 331 students made up of one group of A level students, plus a class of Year 10 science students who moved up to Year 11 in School A, four individual students, a Year 9 group and one Year 11 Design Technology class in School B, and in Cluster C, 12 Year 9 students from three schools in 2006, and 147 Year 9 students in School C in 2007.

Es handelt sich also um Altersgruppen unserer weiterführenden Schulen. Zudem um Schüler, die an unseren Schulen gerne zu den “schwierigsten” Jahrgängen gehören (Klasse 7-9). Allerdings ist dies aber wohl auch die Altersgruppe, die in meinen Augen zu denjenigen gehören, die in der Tat mit Mobiltelefonen als Selbstverständlichkeit aufgewachsen sind und sich in einer Entwicklungsphase befinden, die zu einer kritische Auseinandersetzung mit neuen Medien einlädt.

Ich will an dieser Stelle nicht die gesamte Studie durchgehen, sondern lediglich einige interessante Teile herausnehmen. So ist mir beispielsweise eine Antwort auf die Frage aufgefallen, warum die Schulen an der Studie teilgenommen haben:

I was very keen to promote the idea that they have ownership and they use the phones both in their social and their normal school life.

ICT Coordinator, School B

Also tatsächlich der Gedanke, ein außerhalb der Schule selbstverständliches Medium in die Schule zu bringen. Und dies schien dann auch die Schüler zu überraschen/beeindrucken:

“At the start of the study, even pupils were often surprised at the thought that mobile phones could be used for learning, “ Dr Hartnell-Young will tell the annual conference of the British Educational Research Association in Edinburgh today. “After their hands-on experience, almost all pupils said they had enjoyed the project and felt more motivated.”

http://research.nottingham.ac.uk/NewsReviews/newsDisplay.aspx?id=493

Und letzteres ist zugleich eine der Kernaussagen der Studie, dass der Einsatz von Mobiltelefonen motivierend auf die Schüler wirkte. Und nicht nur auf die Schüler, sondern auch der von uns in diesem Blog schon öfters propagierte Effekt setzte ein:

In every case, other teachers became interested and involved, and the project teachers decided to continue using mobile phones. These champions of change have shown that, with good planning and anticipating class management and technical issues, using mobile phones can be a very productive way to augment access to tools for computing, communication and photography. As one student said ‘It is good to use new technologies. It prepares us for the future as we will be using mobile phones more and more.’

http://research.nottingham.ac.uk/NewsReviews/newsDisplay.aspx?id=493

Und nicht nur innerhalb der Schule, auch die Elternschaft zeigte großes Interesse:

School heads and parents were supportive of the project, and in fact some parents asked why their students were not involved!

http://research.nottingham.ac.uk/NewsReviews/newsDisplay.aspx?id=493

Ich denke, alleine diese Beobachtungen des Projekts zeigen nicht nur eine hohe Akzeptanz und Bereitschaft, die sich einstellt, wenn man den Versuch wagt und die Techniken in die Schule hineinholt. Sondern es zeigt auch, dass die oben gesammelten Vorbehalte oft eher diffuse Vorurteile sind, die sich offensichtlich recht schnell aufheben lassen, wenn erkennbar wird, dass die Nutzung von Mobiltelefonen an Schulen mit einer gezielten Mediendidaktik einhergehen. Denn dies ist das entscheidene, was in meinen Augen nahezu alle obigen Gegenargumente entkräftet (siehe auch Fazit unten).

Verschiedene Szenarien werden in der oben verlinkten Studie erwähnt (erkannt wurden dabei drei Hauptkategorien: visual, audio und collabopration/communication):

  1. Timing experiments with stopwatch
  2. Photographing apparatus and results of experiments for reports
  3. Photographing development of design models for eportfolios
  4. Photographing texts/whiteboards for future review
  5. Bluetoothing project material between group members
  6. Receiving SMS & email reminders from teachers
  7. Synchronising calendar/timetable and setting reminders
  8. Connecting remotely to school learning platform
  9. Recording a teacher reading a poem for revision
  10. Accessing revision sites on the Internet
  11. Creating short narrative movies
  12. Downloading and listening to foreign language podcasts
  13. Logging into the school email system
  14. Using GPS to identify locations
  15. Transferring files between school and home

Ich denke, dass die Studie einen guten Ansatz bieten kann, sich ernsthafter mit der Nutzung von Handys auseinander zu setzen. Entscheident ist für mich der genannte Aspekt, dass es nicht um eine wahllose Nutzung, sondern um gezielte und effektive Einsätze der Technologie gehen kann. Außerdem bestätigt die Studie den von der Initiative D21 verfolgten Ansatz, nicht sämtliche Lehrer hinsichtlich der Nutzung auszubilden/weiterzubilden, sondern den bekannten “Leuchtturm-Effekt” zu nutzen, nach dem ausgehend von einigen “Experten” sich neue Methoden und Technologien an Schulen etablieren. Und zum Anderen wird deutlich, dass solche Vorhaben nur auf einer breiten und alle Beteiligten einbeziehenden Basis funktionieren kann:

How schools can introduce mobile phones for learning

  1. Identify and support champions: volunteer teachers who are prepared to take some risks
  2. Involve those who have responsibility for curriculum, student management, technical support to plan and work through responses to the issues raised in this report.
  3. Initiate discussions about using mobile phones for learning (perhaps using student voice work) and survey current ownership, device capability and the ways mobile phones are already being used in the school.
  4. Provide hands-on, small-scale opportunities for teachers to try out appropriate uses for mobile phones.
  5. Encourage teachers to design activities that make the learning purpose clear and to anticipate management issues at the classroom level (such as rules, etiquette)
  6. Inform parents of the learning purposes for mobile phones, and involve them in establishing appropriate ownership, management and ethical arrangements.
  7. Anticipate and address technical issues ranging from battery charging to network access and security, data protection, etc.
  8. Develop new school policies that shift the focus of policy attention away from the device to the uses, security and behavioural issues that are the real concern.

Auch die Dinge, die zu beachten sind, wenn es darum geht, den Einsatz mobiler Geräte in das Curriculum zu integrieren werden aufgezeigt.

Mein Fazit nach der Lektüre der Studie:

  1. Mobiltelefone stellen ein weit verbreitetes Medium dar, welches bei nahezu allen Schülern vorhanden ist. Die Bereitstellung von Endgeräten durch die Schule ist mit minimalem Kostenaufwand realisierbar.
  2. Schüler fühlen sich in ihrer Mediennutzung akzeptiert und können diese Bestätigung (Vertrauen?) in intrinsische Motivation überführen.
  3. Bei didaktischer Begleitung der Einführung von Mobiltelefonen bauen Lehrer und Eltern vorhandene Vorurteile und Einstellungen gegen die Technologien ab und erkennen deren Mehrwert.
  4. Die Einführung neuer Technologien (also auch von Mobiltelefonen) kann und sollte nicht von extern geregelt werden, sondern wird erst dann effektiv, wenn die jeweilige Schule selber ihre Möglichkeiten und Interessen auslotet und intern ein eigenes Konzept entwickeln kann.
  5. Anfängliche Motivation durch den Reiz des Neuen lässt sich durch effektive Integration ins Lehrcurriculum auffange, so dass de Einsatz neuer Medien zu einer Selbstverständlichkeit wird, deren Mehrwert sich nicht in der Neuartigkeit sondern deren konkreten Nutzen in einzelnen Lernsituationen zeigt.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

P.S. Nicht näher lokalisierte Zitate entstammen der Originalstudie.

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