Schulen verschlafen den Web 2.0-Trend

Kommentieren 22. September 2008

Einen kurzen Artikel mit dem Titel “Schulen verschlafen den Web 2.0-Trend” habe ich bei tagesanzeiger.ch gefunden. Der Ausgangspunkt ist zwar etwas fragwürdig und effekthaschend geschrieben, führt dann aber auf einen richtigen Punkt:

Oft verfügen sie (gemeint: Lehrer) nur über unzureichende Kenntnisse in der Thematik (gemeint: Web 2.0). Sie lassen damit zu, dass die Kinder die Möglichkeiten von Web 2.0 bedenkenlos nutzen.

Dabei wäre die Schule gefordert: Sie müsste die neue Lebenswelt im Unterricht aufnehmen und ihre Chancen und Grenzen aufzeigen. Genau dies gelingt ihr heute aber nicht: «Bislang beschränkt sie sich oft darauf, zu reagieren, wenn es zu Grenzüberschreitungen kommt», kritisiert Thomas Merz, Professor an der an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Statt die neuen Internetplattformen aktiv im Unterricht zu nutzen und zu reflektieren, würden nur vereinzelte Schulen eine entsprechende Medienbildung anbieten.

Was dann folgt ist in meinen Augen ein krasser Widerspruch:

Heute rächt sich nach Ansicht der Pädagogen, was die Politik in der Vergangenheit aus Spargründen unterlassen hat: Die Institutionalisierung eines obligatorischen Unterrichtsfachs, in welchem die Schüler den Umgang mit den neuen digitalen Welten lernen.

Was bei einem solchen Vorgehen passiert, ist doch unmittelbar absehbar: Die Lehrerbildung würde sich nur maginal ändern, da – bei Einrichtung eines eigenen Fachs – ja schließlich nur ein sehr kleiner Anteil der Lehrer und der Stundentafel mit den neuen Medien konfrontiert würde. Wer aber anprangert, dass Lehrer und Schüler zu wenig mit den neuen Medien arbeitet, kann doch nicht zugleich eine Beschränkung damit auf wenige Unterrichtsstunden pro Woche fordern. Es muss doch vielmehr darum gehen, jedem Junglehrer die Chance zu geben, sich unter kompetenter Beratung mit den neuen Technologien auseinandersetzen zu können. Denn wenn bereits dies funktionieren würde, wäre es auch möglich, auf eben diese zu setzen, dass sie an ihren Einsatzschulen für eine Weitergabe dieser Kompetenzen sorgen. Allerdings muss ich aktuell nicht lange suchen, um Referendare zu finden, die auf die Begriffe Web 2.0, Wikis, Blogs oder virtuelle lernplattformen eher mit Stirnrunzeln als mit wissendem Nicken reagieren. Dass sich dies ändern wird, verspricht allerdings indirekt Martin Ebner in seinem Vortrag, auf den ich morgen eingehen möchte…

Erst wenn der Einsatz von Internet und Web 2.0 zu einem selbstverständlichen Teil von Unterricht in allen Fächern wird, wird es möglich, aufzuzeigen, dass es sich eben nicht um Expertenwerkzeuge handelt. Neue Medien sind nicht für ein isoliertes Unterrichtsfach geschaffen, sondern für den konkreten und alltäglichen Umgang. Ich kann Jugendlichen zwar im Informatikunterricht erklären, dass man Wikipedia zur Recherche im Geschichtsunterricht nutzen kann. Wenn dies aber eine Worthülse bleibt und nicht mit konkreten Szenarien gefüllt wird, wird es ähnlich effizient bleiben, wie die verbale Erklärung, wie das Fahradfahren funktioniert. Dies resultiert nicht aus der Komplexität oder gar schwierigen Handhabung neuer Medien, sodnern aus der mit ihr einhergehenden Handhabung und Wahrnehmung von Lernmaterialien.

Und so kurz der Artikel im Tagesanzeiger auch ist, schafft er doch tatsächlich zum Ende noch den Bogenschlag zum anderen Extrem:

Lilo Lätzsch, Präsidentin des Lehrerinnen und Lehrerverbands Zürich, lässt diese Vorwürfe nicht gelten: Für sie ist der Umgang mit den Community-Portalen nicht in erster Linie ein Problem der Schule, sondern vielmehr der Eltern: «Sie sind es, welche zulassen, dass die Kinder die Plattform unbeaufsichtigt nutzen.» Lätzsch propagiert gegenüber den Jungen eine harte Linie: «Es gibt an den meisten Schulen klare Regelungen zur Internet-Nutzung. Diese werden rigoros durchgesetzt.» Wer die Regelungen verletze, dem werde der Zugang zum Internet verboten.

Handys, MP3-Player, Internet – was ich nicht kenne/einschätzen kann, wird kurzerhand verboten. Leider ist dies noch viel zu oft Realität an Schulen. Und so alt wie die Weisheit auch sein mag: “Wenn Du etwas interessant machen willst, verbiete es”; sie gilt auch für neue Medien.

Ich halte den Artikel nicht für brillant geschrieben. Er vereinigt aber auf kleinsten Raum den derzeitigen Stand und zeigt den Spagat auf, den es aktuell so oft zu absolvieren gilt zwischen Vision/Wunsch und Realität.

Dieses Post wurde geschrieben von René Scheppler.

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