Portfolio & E-Portfolio: “Keine Methode, sondern eine Einstellung!”

Kommentieren 22. September 2008

Großartig – ein Prädikat, mit dem ich eigentlich sehr vorsichtig umgehe, aber die Zusammenstellung von Julia Born, Dr. Ilse Brunner und Klaus Himpsl verdient sie dann doch. Unter dem Titel “Portfolio und E-Portfolio: Keine Methode, sondern eine Einstellung!” stellen sie nicht nur in kurzer und anschaulicher Form vor, was sich hinter den Begriffen verbirgt, sondern präsentieren zugleich sehr praxisnahe Hinweise und Tipps rund um den Umgang mit Portfolios auch in digitaler Form.

Besonders wertvoll wird die Zusammenstellung auch dadurch, dass die Autoren nicht nur den User in den Blick nehmen, sondern auch auf die besondere Rolle der Lehrkraft eingehen:

Das ist vielleicht die größte Herausforderung: Unsere Rolle als Lehrperson neu zu strukturieren. Statt “the sage on the stage” sind wir “the guide on the side”. Übersetzt würde das etwa lauten “Statt der Weise auf der Kanzel der Begleiter an der Seite”:

Wir sind Koordinatorinnen, damit die Klasse den Überblick behält.

Wir sind Informationsmanager, die den Jugendlichen helfen Informationen zu finden, zu analysieren und sich Urteile über ihre Wahrhaftigkeit und Nützlichkeit zu bilden.

Wir sind Organisatoren, die die Klassen bei ihren Projekten unterstützten.

Doch vor allem sollten wir uns als Lernhelferin, Coach, Freundin und Vertraute verstehen: Die Person, mit der die Jugendlichen über ihre Probleme reden können, der sie Geheimnisse anvertrauen, mit der sie Spaß haben und die sie ohne Vorbehalte liebt, so wie sie sind, und ihnen das, besonders in schwierigen Situationen, immer wieder deutlich zeigt.

Denn genau hierin liegt der Knackpunkt bei so vielen virtuellen Tools, die zum einen den Web 2.0-Gedanken aufgreifen, zum anderen aber bewusst die individuelle Förderung des Einzelschülers im Blick haben. Wer die unzweifelhaft vorhandenen Möglichkeiten erkennt, den herkömmlichen Unterricht aber einfach in den virtuellen Raum transformieren will, wird sich daran zerreißen und eLearning weniger als Entlastung aber als Belastung durch zusätzliche Arbeit wahrnehmen. “From being a sage on the stage to become a guide on the side” waren auch genau die Worte von Dr. John Cuthell auf unserer Tandem-Tagung, die zeigen, dass Lehren eine neue Rolle bekommt, die nicht mehr die reine Wissensvermittlung in den Mittelpunkt stellen kann, sondern unter gezielter Anleitung und Begleitung mit kompetenzorientierten Strukturen dem Schüler diese Verantwortung überträgt. Eigenverantwortlichkeit und selbstbestimmendendes Lernen sind hier einerseits wesentliche Stickworte. Was mir in meiner Ausbildung andererseits aber auch immer wieder begegnet ist der starre Blick auf “problemorientierten” Unterricht. Gerade im Umgang mit neuen Medien halte ich diese einseitige Ausrichtung von Unterricht aber nicht mehr für alleinig angemessen. Vielmehr müssen wir auch Produktionsorientierung und handlungsorientierung wieder mehr in den Blick nehmen, um neue Medien effektiver in den Unterricht integrieren zu können. Das Problem alleine kann dabei nicht mehr alleiniger Ausgangspunkt sein – das Produkt (und das lerne ich auch immer wieder im Gespräch mit schulexternen Berater) muss wesentlicher Bestandteil unserer Betrachtung sein. Lars Backes hat uns dies in der Gruppe 3 der Tandem-Tagung aufgezeigt, als er unseren Blick zielgruppenorientiert und produktorientiert hinsichtlich einer Schulhomepage geschärft hat.

Einen weiteren (von vielen) für mich entscheidenden Aspekt möchte ich noch aufgreifen:

Fehler sind Lernfehler:

Portfolioarbeit verstärkt das Positive ohne die Fehler zu übersehen. Fehler werden als Chance wahrgenommen, etwas noch nicht Verstandenes noch einmal zu erklären oder eine Misskonzeption zu korrigieren. Fehler werden nicht mit schlechten Noten bedacht, sondern sind Herausforderungen für die Lehrperson, neue Erklärungsmodelle zu finden.

http://blog.rpi-virtuell.net/index.php?op=ViewArticle&articleId=792&blogId=2

Dies ist nämlich  für mich eine der wesentlichsten Stärken die sich auch auf andere Web 2.0-Tools übertragen lässt. Fehler werden zu einem systemimmanenten und fast schon gewünschten Teil der Arbeit. es geht nicht mehr darum, eine richtige Lösung zu produzieren oder leider noch immer viel zu verbreitet: zu finden (was will der Lehrer hören?). E-Portfolios, Wikis, Blogs bringen eine Bereicherung ins Lernen, die aufgrund ihrer Philosophie, dass erst die gemeinsame Bearbeitung, Weiterentwicklung und Kollaboration zu einem Ergebnis führt, das dann auch nicht mehr nur eine klassische Lösung sondern durchaus auch ein Produkt sein kann, deutlich von anderen Unterrichtsmethoden oder Sozialformen zu unterscheiden ist. Und nicht nur die Möglichkeit, Fehler zu machen, sondern auch der “geräuschlose” Umgang damit zeichnen derartige Szenarien aus. Fehler werden nicht mehr alleine vom Lehrer erkannt und am besten mit Rot markiert, sondern die eigene Peer-Group oder Community erkennt den Fehler und korrigiert ihn intern, ohne den Fehlerproduzenten bloß zu stellen. Der Lerner erkennt die Korrektur seines Mangels auch aufgrund eines anderen Umgangs und Verständnisses mit eigenen Produktionen, wird aber nicht vorgeführt oder getadelt. “Aus Fehlern lernen” bekommt hierbei eine neue – und wie ich meine seine ursprüngliche – Bedeutung (zurück).

E-Portfolios können in meinen Augen ein guter Ausgangspunkt sein, um als Schüler als auch als Lehrer in die Arbeit mit neuen Medien einzusteigen. Und ich wiederhole mich, wenn ich die Hinweise der genannten Autoren hier nicht alle durchgehen will und kann, sondern zur Lektüre empfehle. Zugleich möchte ich auch auf eines meiner vorherigen Post hinweisen, in welchen ich die Integrationsmöglichkeit von Mahara in Moodle vorstelle: Mahoodle. Ein weiteres Plugin für Moodle für Portfolios, welches ich hoffentlich noch genauer in einem eigenen Beitrag würdigen kann, habe ich in Bonn kennen gelernt: Exabis.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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  1. 22. September 2008 um 18:43 | #1

    > und die sie ohne Vorbehalte liebt, so wie sie sind

    Hallo, geht’s noch? Ich soll über 200 Schüler LIEBEN???

    > mit der sie Spaß haben

    Ein wahrhaft originelles Lehrerbild …

  2. 22. September 2008 um 20:47 | #2
    dowel

    Ach Jochen – doch nicht körperlich, sondern im Sinne einer allgemeinen Menschenliebe. Das schaffst Du schon ;-)

  3. 22. September 2008 um 21:57 | #3

    Nee, schaff ich (und auch niemand sonst) ganz sicher nicht. Ich bin froh, wenn wir gut miteinander auskommen und uns gegenseitig nicht allzu sehr auf die Nerven gehen, vielleicht auch mal ab und an ein bisschen Spaß haben. Ich habe den Eindruck, dass der Verfasser von seinen Schüler nicht nur respektiert und gemocht, sondern wirklich geliebt werden will (Geheimnisse anvertrauen usw.) und das ist für unseren Job absolut tödlich.

  4. 22. September 2008 um 22:16 | #4

    So, nun wollte ich mich eigentl. nicht so schnell in die Diskussion einmischen, bin aber eben bei “Verfasser” stutzig geworden: Ich bin nicht der Verfasser.

    Ich habe das Zitat aber durchaus bewusst gewählt, da es – wenn zugegeben auch sehr extrem – den in meinen Augen notwendigen Wechsel im Lehrerselbstverständnis anstößt. Und ich hoffe, in meiner Kommentierung ist die Richtung, die ich damit meine (Stichwort: Guide in the side) deutlich geworden.

    Liebe würde ich an dieser Stelle auch nicht überbewerten wollen. Vielleicht hängt das mit der Tatsache zusammen, dass es sich bei rpi um eine Plattform der Evangelischen Kirche handelt? Nun ja…

    In dem Moment, wo wir Dinge wie Web 2.0, kollaboratives Arbeiten und eigenverantwortliches Lernen in die Klassenräume holen, ändert sich die Rolle des Lehrers. “Empathische”/”Emotionale” Fähigkeiten werden stärker gefordert als bei reinen “Paukern”, um die Extreme mal wieder gegeneinander zu stellen. Ich merke dass, wenn ich meine Schüler relativ frei ihr Wissen sammeln und arrangieren lasse. Dabei tauchen weniger Fragen inhaltlicher Art auf, als vielmehr suchende Nachfragen nach Bestätigung, Unterstützung oder punktueller Hilfestellung. Dadurch, dass das Lernen zu einem persönlicherem Prozess wird und man nicht mehr einfach anonyme Arbeitsblätter ausfüllen kann, vergewissern sich die Schüler auf einer anderen Ebene beim Lehrer zurück. Ein Schüler, der sehr lehrerfixiert ist und sonst immer mehrfach nachfragte, ob er seine Arbeit richtig mache, wollte neulich plötzlich wissen, ob mir seine Arbeit “gefällt” – ein deutlicher Unterschied in meinen Augen.

    Ich bin mir selber noch nicht sicher, wie derartige Dinge einzuschätzen sind, glaube aber zunehmend, dass Lernen, wenn es als gemeinsames und gemeinschaftliches Lernen von Lehrern mit Schülern verstanden werden soll, ein verändertes Lehrerbild nach sich ziehen wird.

    “Freundin” und “Vertraute” wie im obigen Zitat, geht dann aber auch mir etwas zu weit ;-)

  5. 06. October 2008 um 19:46 | #5
    rip

    Dass wir doch nicht unbedingt “Freundinnen” werden müssen, beruhigt mich ;-)

    Aber zu einem anderen Aspekt des Postings:

    > es geht nicht mehr darum, eine richtige Lösung zu

    > produzieren oder leider noch immer viel zu

    > verbreitet: zu finden

    Da muss ich einwenden: Das kommt doch sehr darauf an. Und zwar womit ich mich im Unterricht beschäftige. Wenn ich den Unterschied zwischen Simple Past und Present Perfect erklärt habe (oder: wenn Schüler in einer LdL-Phase diesen Unterschied erklärt haben), dann erwarte ich schon, dass im Anschluss daran möglichst viele “richtige Lösungen” produziert werden und dass die leistungsfähigeren Schüler in der Lage sind, bei Fehlern zu erklären, warum das so nicht richtig ist.

  6. 06. October 2008 um 20:00 | #6

    Hm, dass irgendwann mal eine “richtige” Lösung (sofern vorhanden) rauskommen soll, ist in meinen Augen eher eine Art Lernziel.

    Portfolios ordne ich eher in den Bereich der Methode. Und da halte ich es für eine Methode, die – im Gegensatz zu anderen sicher ebenfalls sinnvollen pädagogischen Kniffen und Tricks – deutlich lernerzentrierter ist und – wie ja richtig angedacht wurde – dazu geeignet ist, ein Ziel (die Produktion einer Lösung/Produkts) kollaborativ anzustreben.

    Somit ist das Portfolio sicher kein Allheilmittel sondern vielmehr ein weiterer Pfeil im reichhaltigen Methodenköcher des Lehrers. Und um auf die Postüberschrift zurück zu kommen: Das besondere bei dieser Methode ist eben, dass sie eine gehörige Portion Umdenken und Einstellungsänderung bei vielen Lehrern erfordert, da sie sich von vielen anderen Methoden unterscheidet, dass sie nicht gradlinig und kaum konkret planbar ist. Dementsprechend muss auch der Unterrichtsinhalt umgestellt werden, um den Schülern überhaupt dieses kollaborative Arbeiten zu ermöglichen.

    Ich denke, da sind wir – was den digitalen Bereich angeht – noch recht am Anfang.

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