UNESCO heute: Wissen im Web

Kommentieren 08. September 2008

Nun hatte ich mir zwar selber eine kleine Blogpause im Vorfeld der Tagung auferlegt, halte es aber angesichts so anregender Publikationen wie der aktuellen “UNESCO heute” nicht so recht durch.

Das digital verfügbare Heft mit dem Titel “Wissen im Web” bündelt verschiedene Aspekte rund um den Einsatz neuer Medien in Schule und Lehre. Dabei geht es weniger um konkrete Tools sondern vielmehr um die  theoretischen Grundlagen von und Voraussetzungen an eLearning im Sinne vom Einsatz des Internets mit seinen vielfältigen Optionen.

Gerade auch im Vorfeld unserer Tandem-Tagung können die einzelnen Artikel sicher eine gute Grundlage für die gemeinsame Arbeit bilden, da sie nicht zu konkret werden, andererseits aber eine gute Basis für eigene Ideen bilden. Ich möchte im Folgenden einige – in meinen Augen – gelungene Zitate und Denkanstöße anbringen:

Medienkompetenz umfasst viel mehr als die bloße Bedienung eines Mediums. Wer mit Computer und Internet sinnvoll umgehen möchte, muss die Potenziale seiner Werkzeuge kennen und gegebenenfalls auch kritisch hinterfragen. Die neuen Medien können entscheidend dazu beitragen, die Lehr- und Lernkultur nachhaltig zu verändern, wie es von PISA & Co gefordert wird. Stärkere Handlungs- und Produktorientierung, Selbststeuerung und Individualisierung sind nur einige Ziele, die auf ideale Weise mit Computer und Internet verwirklicht werden können.

(…)

Grundsätzlich erfordert die Arbeit mit digitalen Medien Kenntnisse und Erfahrungen seitens des Lehrenden. Durch den Einsatz neuer Wissensquellen und Rechercheinstrumente liegt das »Wissensmonopol« nicht mehr ausschließlich bei der Lehrkraft, die zunehmend zum Begleiter von Lernprozessen avanciert.

… zum Orginal-Dokument

Dem ist eigentlich kaum noch etwas hinzuzufügen. Denn damit ist genau die aktuelle Bruchstelle im alltäglichen Einsatz neuer Medien im Unterricht angesprochen: wir nähern uns langsam aber sicher einer akzeptablen Ausstattung an, haben haber noch nicht gelernt, diese neuen Techniken auch sinnvoll zu nutzen. Zwar ist es einfach, die Schüler vor die Geräte (Computer) zu setzen und ihnen entweder minutiös vorzugeben, wann sie wo zu klicken haben, oder aber ihnen Wissen à la “Mein erstes Dokument in Word” beizubringen. Aber die sich verändernden Wissens- und Kommunikationsstrukturen, die in Internet und Web 2.0 als erstes erkennbar werden, sich aber durchaus zunehmend auch in anderen Gesellschaftbereichen etablieren, fordern eine ebenfalls veränderte Struktur des Lehrens und Lernens. In meinen Augen ist es weniger eine Individualisierung wie im Zitat angesprochen, denn ich sehe im kollaborativen Arbeiten eher einen Rückgang von Individualisierung (hinsichtlich neuer Lernstrukturen; hinsichtlich der Lehre ergeben sich natürlich diverse Möglichkeiten, individueller auf einzelne Schüler eingehen zu können). Aber die anderen Aspekte und hier vor allem die Handlungs- und Produktorientierung sind diejenigen, welche in Zukunft verstärkt in den Fokus von Lehre rücken müssen/werden. In meiner Ausbildung liegt derzeit ein fast schon übermächtiger Schwerpunkt auf der so genannten Problemorientierung. Dies ist natürlich ein wesentlicher Bereich von Lernverständnis. Aber die besonderen Potentiale, die durch gemeinsames Handeln und/oder Produzieren entstehen und durch das Web 2.0 in herausragendem Maße (heraus-)gefordert werden, sind diejenigen Ansatzpunkte, die es am ehesten erlauben, neue Lehr- und Lernmodelle in die Schule zu bringen.

Einen weiteren Schwerpunkt setzt das Heft in Richtung Lernpsychologie:

Das Internet als Informationsumgebung stellt im Vergleich zu anderen Medien neuartige Anforderungen an die Nutzer in Bezug auf den Umgang mit Informationen. Wesentliche Voraussetzungen der Lernenden sind zum Beispiel umfassende Kompetenzen im Hinblick auf selbstgesteuertes Lernen. So müssen Lernende ihre eigenen Lern- und Informationsziele selber im Kopf behalten und verfolgen.

Sie müssen zielgerichtet navigieren und dabei interessanten, aber ablenkenden Informationsangeboten widerstehen. Sie müssen die Auswahl und Reihenfolge von Informationen im Hinblick auf ihre Ziele selber festlegen und dabei Informationen und Informationsquellen hinsichtlich ihrer Qualität und Glaubwürdigkeit bewerten.

Lernende müssen sich eigenständig eine an ihren Wissensstand und ihre Informationsziele sinnvoll adaptierte »Informationsdiät« aus verschiedenen Informationseinheiten und Präsentationsformaten zusammenstellen.

Wichtig ist auch die Festlegung von Zeitbudgets und Abbruchkriterien, der Umgang mit interaktiven Präsentationsformaten und mit verteilten Informationen. Besonders im Zusammenhang mit widersprüchlicher Information wird es wichtig, die Expertise von Autoren zu bewerten und den Überblick über Informationen aus multiplen Quellen zu behalten.

Die Erforschung von Lernvoraussetzungen und entsprechenden Unterstützungsmaßnahmen auf der Basis kognitionspsychologischer Modelle kann einen wichtigen Beitrag leisten, um die Chancen, die das Internet für informelles Lernen bietet, besser zu nutzen. Wichtig ist zum Beispiel die Frage, wie die Potenziale des Internets für informelles Lernen genutzt und gleichzeitig Störgrößen wie kognitive Überlastung oder suboptimale Informationsnutzung minimiert werden können. Um Lernende in dieser Hinsicht zu fördern, ist es wichtig,

Kompetenztrainings und technische Tools zur Unterstützung von Informationssuche und -rezeption zu entwickeln, die eine vertiefte Auseinandersetzung mit Lerninhalten fördern.

… zum Original-Dokument

Diese Feststellungen wird jeder unterschreiben, der zwei Unterrichtsstunden im Computerraum mit zwei Klassen unterschiedlicher Alterstufe verbracht hat. Lernen und Kompetenzentwicklung macht auch vor der Computernutzung nicht halt. Im Gegenteil erfordert der Umgang mit dem Medium Internet ein ganz besonderes Augenmaß, an das man angesichts eines (bewusst) begrenzten Materialfundus von Schulbuch und eigenen Kopien gar nicht richtig gewohnt ist. Wie schwer dieser Spagat von Schulbuch zu Internet hinsichtlich des Umfangs des Lernmaterials und wie tief die damit einhergehenden Lehrmodelle in uns verwurzelt sind, zeigt sich, wenn man einen genauen Blick auf die derzeit boomenden Lernplattformen à la Moodle, lo-net2 und wie sie alle heißen wirft. Denn ihnen gemeinsam ist, dem Lehrer ein Instrument an die Hand zu geben, Lernmaterialien an den Schüler zu bringen. Nur ganz langsam treten kollaborative Medien wie Wikis und Blogs in den Vordergrund und lösen die ansonsten reinen Materialbörsen ab. Freie Modelle wie Google, Pageflakes oder Netvibes, die auf eine rein lernerzentrierte (oder vielleicht besser userzentrierte) Nutzung und Zusammenstellung von Inhalten setzen, werden von Lehrern noch auffällig stark gemieden, was sicher auch mit ihrer “Unkontrollierbarkeit” bzw. Offenheit zusammenhängt, die dem Lehrenden zu einem großen Teil das Zepter aus der Hand nehmen und den Lerner vor die genannten Herausforderungen stellt, für die es noch keine etablierten Aneignungstrategien gibt.

Sehr ansprechend finde ich auch den letzten Satz des Zitats, der deutlich hervorhebt, von welcher Bedeutung die Koppelung der Kompetenzvermittlung an die Lerninhalte ist. Erst das ausgewogene Wechselspiel und Miteinander von Kompetenzen und Inhalten wird in meinen Augen die Ausbildung von kritischen, strategischen und lösungsorientierten Lernern ermöglichen (vgl. hierzu auch ein vorheriges Post).

Weitere spannende Artikel neben den zitierten bezüglich neuer Medien in Schule sind auch:

Nun stellt sich eigentlich nur noch die Frage, wie man alle diese ambitionierten Ziele und Forderungen in den Schulalltag überführt. Denn dafür gibt es derzeit noch keine wirklich überzeugenden Strategien. Und ich glaube auch, dass es dafür keine allgemeingültige Lösung geben kann, sondern wir nun die erneute Chance haben, Schulen und den dortigen Pädagogen Freiheiten zu geben, die ohne einen zentralistischen Gleichschritt am besten und effektivsten für ihre Schule und Schüler passende Modelle zu entwicklen und auch zu realisieren. Ich übergebe also diese Frage an unseren Workshop – ganz im Sinne des erstzitierten Autors:

Die Medienbildung steht vor neuen Herausforderungen. Das visionäre Stichwort ist »Web 2.0«. Damit wird eine stärkere Partizipation des Users, seine Vernetzung mit anderen Internetnutzern und die kollaborative Arbeit an Plattformen und Portalen diskutiert, die auch für die Bildungseinrichtungen weitreichende Folgen haben.

(…)

Gleichzeitig bedarf es eines umfassenden und systematischen Medienkonzeptes der Schule, damit das Lernen mit digitalen Medien institutionalisiert und dauerhaft betrieben werden kann. Das Medienkonzept muss sich an den von Schuljahr zu Schuljahr fortschreitenden schulinternen und -externen Erfahrungen und dem jeweiligen Stand der Technik orientieren.

Die Schulleitung ist dabei Motor dieses Prozesses. Das im Team mit klaren Verantwortlichkeiten zu erstellende Medienkonzept muss auf die konkrete Situation der eigenen Schule (bauliche Situation, Finanzen, Grad der Qualifizierung, Personal, Fortbildung) ausgerichtet sein.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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