Will e-Learning die?

Kommentieren 02. September 2008

Einen aktuellen Artikel mit dem Titel “Will e-Learning die?” haben Martin Ebner (TU Graz) und Mandy Schiefner (University of Zurich) erstellt und in einer draft-Version auch online gestellt:

Es geht im wesentlichen um die Zukunft des e-Learning aus technischer aber auch struktureller Sicht. So kommen sie zu dem Schluss, dass e-Learning bald nicht mehr existieren wird, da die Integration neuer Medien so rasant fortschreiten wird, dass es obsolet sein wird, einen eigenen Begriff für das Lernen mit modernen Technologien bereit zu halten. Einen Schwerpunkt der Darstellung bildet das Web 2.0 im Lern-/Lehrkontext. Ich halte den Artikel für sehr gelungen, ein paar Anmerkungen möchte ich aber dennoch machen:

Die Autoren stellen zu Beginn den derzeitigen, technischen Trend hin zu Web 2.0-Applikationen vor. Dies verbinden sie mit einem Wandel innerhalb der Gesellschaft hinsichtlich des Umgangs mit diesen Innovationen. Wesentliche zitate sind für mich dabei:

Blogging as well as podcasting or video sharing has become normal to the everyday life of today’s kids.

(…)

The main problem that comes with the revolution of the Web 2.0 is once again the so-called digital gap between digital immigrants (mainly lecturers) and digital natives (teenagers and learners). According Prensky (2001) the use of new media differences exorbitant between these two groups. For our children weblogs, wikis, podcasts belong to their everyday life since birth. For the rest of us these techniques are new; we have to learn and to rethink concepts and workflows.

Diese Problematik erkenne ich ebenso. Die auf uns zukommenden Schwierigkeiten als Lehrer werden nicht darin liegen, die technischen Neuerungen zu verfolgen oder zur Kenntnis zu nehmen (bei dem hohen Tempo aber durchaus für viele eine Herausforderung), sondern darin, die “digital gap” nicht zu groß werden zu lassen. In meinen Augen ist dies kein primär technisches Phänomen. Die dem Web 2.0 zugrunde liegenden Ideen und Kommunikationsstrukturen sind diejenigen, die vielen Lehrern Probleme bereiten werden. Beispielhaft merke ich dies gerade am eigenen Leib, was den in Moodle verfügbaren Chat angeht. Ich habe allen meinen Kursen diese Möglichkeit des Austausch freigeschaltet. Während die Mittelstufenkurse diesen innerhalb weniger Minuten entdeckt und lebhaft genutzt haben, liegt er beim Oberstufenkurs regelrecht brach. Zusätzlich merke ich es an mir selber bzw. meiner Reaktion auf die Nutzung des Chats. Immer wieder erwische ich mich dabei, mit Verboten reagieren zu wollen, den Schülern zu unterstellen, sie könnten sich nicht auf ihre Aufgaben und den Chat konzentrieren oder würden durch diesen abgelenkt. Als ich aber letzte woche mal ein paar Minuten unbemerkt hinter einer Schülerin stand und ihr bei ihrer Arbeit über die Schulter geschaut habe, musste ich feststellen, dass sie gewissenhaft ihre Aufgabe bearbeitete, aber von Zeit zu Zeit auch einfach den im Hintergrund laufenden Chat aufrief, um einer Mitschülerin mitzuteilen, dass sie neue Ergebnisse online gestellt habe, nach einer Rechtschreibung gefragt hat oder einfach kurz pausiert hat, um dann weiter zu arbeiten. Für mich wurde deutlich, dass es natürlich diejenigen Schüler gibt, die über derartige Kommunikationstools ihre eigentliche Aufgabe vernachlässigen, aber wir haben es auch zunehmend mit Schülern zu tun, die ein anderes Verständnis von Kommunikation haben. Wenn solche Schüler auf Lehrer treffen, die sich standhaft weigern, sich einen E-Mail-Account einzurichten, sind in naher Zukunft in meinen Augen nicht nur Kommunikations- sondern auch Verständnisschwierigkeiten vorprogrammiert.

In dem Artikel wird zudem noch ein weiter Aspekt angesprochen: der Wandel von Content und Lernmaterialien…

In future teachers will be confronted not only with a new type of learner, with new devices and new communication structures, but also with a new type of content – called microcontent (Leinonen, 2007).

(…)

Nevertheless we are expecting some major trends, which will influence our learning

environments:

  • Mergence of devices: In the near future the performance and ability of mobile devices will increase arbitrarily.
  • Widgets and Mashups: (…) Reusing, resorting, remixing are the catchwords of the future web.

    Existing information will be expanded by someone and adapted to his/her personal needs. So the World Wide Web is becoming much more powerful we hardly can imagine, because two components are combined: human creativity and computer batch processing.

(…)But in the near future the situation can change dramatically, because first there will be no books anymore. The mobile device of students connects to the internet within seconds and delivers any information; any so called hard fact.

Ich halte dies für eine sehr zutreffende Beobachtung, dass wir uns technisch immer weiter an mobile Geräte annähern werden. Allerdings wird die Herausforderung auch weiterhin darin bestehen, den – aus kommerziellen Aspekten – auf dem Entertainmentbereich liegenden Schwerpunkt dieser Geräte und die damit einhergehende Wahrnehmung für den edukativen Bereich nutzbar zu machen. Wir werden nicht davon ausgehen können, dass uns die Industrie in diesem bereich wesentlich entgegen kommen wird. Man wird zwar weiterhin die gleiche Zielgruppe ansprechen wie die Lehrer (also die Jugendlichen), aber mit unterschiedlicher Hauptintention. Es wird keine reine Lerntechnik geben, die von der Industrie ähnlich gepriesen und von den Schülern ähnlich akzeptiert wird wie die auf Entertainment ausgelegten Geräte. Die Mittelschiene des Infotainment wird ein Randbereich bleiben, den die Geräte in der Lage sein werden abzudecken, doch ein ipod wird auch in Zukunft nur zu einem gewissen Teil dazu da sein oder als solches Gerät wahrgenommen werden, mit dem man Edu-Podcasts, Vokabeln oder die Vorlesung vom Vortag hören kann. Wenn wir also richtig erkennen, dass wir es verstärkt mit solchen Geräten zu tun bekommen, muss es darum gehen, Strategien zu entwickeln, wie wir diese Techniken in den Unterricht integrieren können. In meinen Augen kann dies nur gelingen, wenn wir nicht versuchen, die moderne Technik aus dem Schüleralltag für unsere Zwecke zurecht zu biegen. Wir müssen vielmehr lernen, heraus zu finden, was die Schüler an den neuen Medien reizt und dies gewinnbringend in Lernszenarien einzubetten. Wenn ich also erkenne, dass meine Schüler ein gesteigertes Interesse an einer Kommunikation in einem Chatraum haben, muss ich mir überlegen, wie ich diese intrinsische Grundmotivation zu didaktischen Zwecken ausnutze: Verabrede ich viertelstündliche Treffen im Chatraum, um neue Aufgaben zu stellen? Nutze ich den Chat zum Einstiegs-Brainstorming und  überführe wichtige Schüleräußerungen im Hintergrund per Copy/Paste in ein Wiki zur weiteren Schwerpunktarbeit? Verabrede ich mit den Schülern einen Zeitpunkt außerhalb der Schulzeit, in denen ich den Chatraum freischalte, selber dort online bin, um ihnen die Möglichkeit zu geben, sich über evtl. schwierige Hausaufgaben auszutauschen bzw. mich um Hilfe zu bitten? usw. Die größte Herausforderung liegt allerdings darin, mit den neuen Medien auch eine neue Lernkultur zu entwickeln, die nicht versucht, bestehende, didaktische Konzepte einfach auf die sich ändernden Medien zu übertragen. Denn dabei handelt es sich nicht nur um neue Werkzeuge, sondern mit ihnen geht eine veränderte Denk- und Wissensstruktur(ierung) einher, die sich nur bedingt mit bisherigen Unterrichtsmodellen verträgt. Das Web 2.0 fordert zu unterrichtlichem Umdenken heraus und ist mehr als eine handwerkliche Bereicherung im sinne neuer Methoden.

Bei einem weiteren Punkt, den die Autoren bereits mit dem oben zitierten verschwindenden Büchern einleiten, bin ich allerdings nicht so ganz einverstanden. Zwar formuliere sie in meinen Augen zutreffend, dass wir vor einem grundlegenden Wandel der Lehrerrolle stehen. Dies wird gerne mit der eines Moderators verglichen, welcher Lernprozesse anstößt, dann aber nur noch moderiert, während die Lerner sich ihre eigenen Lernwege suchen. Dieser Wandel ist, wie ich in verschiedenen Schulpraktika aber besonders deutlich an der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden gesehen habe, kein ausschließlich neuen Medien zu verdankender Wandel, sondern vielmehr ein genereller Umschwung in der Wahrnehmung und Interpretation von Lernprozessen. Neue Technologien und Medien beschleunigen diesen Prozess lediglich in einem derzeit besonders hohen Tempo. Problematisch wird es für mich allerdings bei Äußerungen wie dem folgenden Zitat:

Teachers have to learn change from their role of knowledge provider to a role of communicator and coach. They don’t have to teach hard facts, because they were available at the internet in different forms and sources. They have to help building knowledge by supervising and structuring of learning content. Teaching thinking skills will be a great challenge. Even more lifelong learning will be a requirement for teachers because technologies are changing often and fast.

Ich glaube, eine wesentliche Gefahr von e-Learning ist aufgrund der derzeit noch fehlenden bzw. zu wenig verbreiteten didaktischen Grundlagen in diesem Bereich die Entkoppelung vom Inhalt. Lernen kann ohne Inhalt nicht funktionieren. Und Blogs, Wikis und Podcasts können ohne Inhalt ebenfalls nicht bestehen. Wer diese Technologien losgelöst vom Inhalt betrachtet, verliert sich sehr schnell in der Entertainementblase und verliert aus den Augen, dass Zusammenhänge auch aus Wissen generiert werden. Ich kann in meinem Schulwiki keinen Verweis/Link von Tiberius Sempronius Gracchus zu den Punischen Kriegen setzen, wenn ich nicht weiß, dass er einen wesentlichen Anteil an der Erstürmung Karthagos hatte. Ich kann meine Aussagen im Lernblog dazu nicht belegen, wenn ich nicht weiß, dass Plutarch der Autor ist, der über diese Ereignisse berichtet. Netzwerke zu knüpfen beruht auf Wissen. Im Moment funktionieren diese Netzwerkstrukturen noch sehr gut, da die Autoren in Wikipedia & Co eben Menschen sind, die noch sehr stark entlang von  Inhalten gelernt haben und diese Verbindungen ziehen können. Doch wer heutigen Schülern keine Inhalte vermittelt, sondern nur noch die Strukturierungskenntnisse – frei nach dem Motto “man muss nicht alles wissen, sondern nur, wo es steht” -, nimmt ihnen diese wesentliche Grundbedingung. Denn das Web 2.0 besteht nicht nur daraus, zu wissen, wo etwas steht und es dann zu verlinken. Das Web 2.0 lebt auch davon, dass neue Inhalte generiert werden. Und diese Inhalte speisen sich sehr oft aus Wissen und Erkenntnissen. Wenn es also irgendwann nur noch Leute gibt, die zwar wissen, wie sie nach Inhalten googlen, diese verlinken und in einem Blog zusammenführen, stehen wir bald ohne neuen Content da, da dieser aufgrund fehlenden Wissens einfach nicht mehr produziert werden kann. Wir würden uns nur noch im Kreis drehen und die bestehenden Inhalte immer wieder neu arrangieren. Damit soll keiner Wissenshuberei das Wort geredet werden. Vielmehr geht es in meinen Augen darum, eine Balance zu finden, die es erlaubt, Lernszenarien zu entwickeln, denen es gelingt Inhalte mit Kompetenzen zu verbinden.

Der jedem Kind innewohnende Entdeckerdrang ist in meinen Augen die wesentliche Triebfeder für Lernen. Wir können und müssen den Jugendlichen Hilfsmittel und Strukturen an die Hand geben, mit denen sie sich Informationen suchen können, diese neu arrangieren und auch für Andere gewinnbringend präsentieren können. Dazu sind die Web 2.0-Tools und die ihnen zugrunde liegenden Kommunikationsstrukturen sehr hilfreich. Wir müssen uns aber zugleich deutlich machen, dass wir an diesem Punkt nicht stehen bleiben dürfen. Wir müssen die Kinder weiter dazu anhalten, zu fragen, zu hinterfragen und zu zweifeln. Denn ich glaube, der Artikel von Ebner und Schiefer wurde für mich erst dadurch so hilfreich und bedeutend, dass ich ihn nicht einfach in diesem Blog zitiert und präsentiert habe, sondern mich auch kritisch damit auseinandergesetzt und als Denkanstoß verstanden habe. Dies war mir aber nur aufgrund meines Wissens und meiner Erfahrungen möglich. Denn wie sonst könnte ich aus meiner Forderung die Brücke zu Piaget bauen und mit seinen Worten schließen?:

Das vornehmlichste Erziehungsziel ist, Menschen zu schaffen, die fähig sind, neue Dinge zu tun, nicht einfach das zu wiederholen, was andere Generationen taten – Menschen, die schöpferisch, erfinderisch, die Entdecker sind. Das zweitwichtigste Erziehungsziel ist, Geister heranzubilden, die kritisch sind, verifizieren können und nicht alles hinnehmen, was man ihnen anbietet.

[Jean Piaget]

zit. nach: Mary Ann Pulaski, Piaget – eine Einführung in seine Theorien und sein Werk, Fischer Verlag, Frankfurt/M, 1979, S. 170

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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