Martin Riemer über Bloggen in der Grundschule

Kommentieren 29. August 2008

Bei der Suche nach einem Youtube-Schmankerl für Sonntag bin ich über ein tolles Interview mit Martin Riemer gestossen. Er berichtet über ein Projekt, welches wir auch bereits vorgestellt haben. Ich verstehe gar nicht, wie mir das Video bisher entgegen konnte. Aber lieber spät als nie:

Hier ein paar Anmerkungen:

Martin hat an der Hausburgschule in Berlin mit einer 2. Grundschulklasse zusammengearbeitet. Er berichtet von den bereits öfters erwähnten Kompetenzgewinnen auf mehrfachen Ebenen:

  • Schreibkompetenz
  • Lesekompetenz
  • Medienkompetenz

Hier scheinen in der Tat die drei wesentlichsten Vorteile von Blogs im Unterricht zu liegen. Und es ist wichtig, diese Theorie aus der Praxis bestätigt zu hören. Ich werde selber demnächst in einer 8. Klasse mit Weblogs arbeiten und hoffe auf ähnliche Beobachtungen.

Zudem führt Martin aus, dass es mit Hilfe dieses Web 2.0-Tools möglich ist, den Kindern eine eigene Plattform zu geben. Und trotz des recht spontan wirkenden Interviews hat er etwas druckreif formuliert, was ich ebenfalls bereits öfters in diesem Blog in ähnlicher Form postuliert habe:

Sie (die Schüler) können ihre Welt in die Schule hereinholen. Und das ist ein gutes Beispiel dafür, dass Schule kein exotischer Ort ist.

(…)

Es ist einfach eine 1:1-Abbildung von jeder gesellschaftlichen Version, die es gibt.

Und genau dieser Aspekt ist es in meinen Augen, der für die angesprochenen, besonderen Kompetenzgewinne (gegenüber “normalen” Unterrichtsmethoden) verursacht. Und darüber hinaus erreichen wir durch diese treffende Beobachtung die meist sehr hohe Akzeptanz dieses Mediums bei den Schülern. Denn trotz der Koppelung an fachliche Inhalte, die – wie auch von Martin richtig betont – weiterhin im Vordergrund stehen bleiben sollten, gewinnen Schüler durch Blogs einen Entfaltung- und Feedback- bzw. Kommunikationsraum, der alleine aufgrund räumlicher und methodischer Settings im “regulären” Unterricht nur schwer zu simulieren ist (bewusst nicht unmöglich, denn diverse Formen der Gruppenarbeit, können durchaus zu ähnlichen Prozessen anleiten).

Etwas beiläufig formuliert Martin in meinen Augen einen weiteren besonderen Aspekt – nämlich den der Unabsichtlichkeit. Gegenüber vielen anderen Unterrichtsmethoden wage ich zu behaupten, dass die Schüler einen Großteil der von uns Lehrern implizierten Lern- und Kompetenzzugewinne nicht bewusst wahrnehmen oder erkennen. Sie sehen natürlich den fachlichen Kontext und werden aufgrund dessen auch die Weblog-Arbeit im Unterricht als “Lernen” oder “Arbeiten” wahrnehmen. Doch die Komplexität und Vielfältigkeit der parallel ablaufenden Kompetenzstufen werden für die Schüler nicht unmittelbar offenichtlich bzw. bewusst. Dies liegt sicher zu einem Teil an der hohen intrinsischen Motivation, die sich daraus ergibt, vor allem in öffentlichen Blogs sich nicht blamieren zu wollen durch Fehler oder unsaubere Formulierungen. Während “herkömmliche” Unterrichtsmethoden doch meist innerhalb der eigenen Lerngruppe verbleiben und Ergebnisse oft nur von einem sehr begrenzte und von dem Schüler überschaubaren und im Vorfeld abschätzbaren Personenkreis rezipiert werden, schafft die durch Weblogs geschaffene Öffentlich eine neue Ebene, die Schüler ihren Umgang mit ihren Produkten mit einer veränderten Motivation betrachten lässt. Ich denke, ähnliche Effekte erlebt man auch, wenn es darum geht, dass Schüler Austellungen, öffentliche Theaterstücke oder andere Produkte erstellen, die den gewohnten Rezipientenkreis der eigenen Lerngruppe übersteigen.

Abschließen möchte ich mit einem weiteren tollen Zitat von Martin, welches wie das obige wieder den Nagel auf den Kopf trifft:

Ich möchte einfach diesen Aspekt – das was man Web 2.0 nennt – (…) das muss in der Grundschule ankommen. Wir können nicht zulassen, Kinder für eine Welt auszubilden, die eigentlich gar nicht mehr existiert.

(…)

Wenn wir da unseren Beitrag nicht geben, dass die Kinder in der Wissensgesellschaft ankommen, dann bleiben sie automatisch nur Konsumenten. (…) Kinder, die kein Wissen navigieren können, sind verloren.

Besten Dank an Martin für diese Denkanstösse. Ich hoffe, wir hören auch weiterhin von solchen erfolgreichen Projekten.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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