Google Sites: eigene Lernplattform bauen?

Kommentieren 20. August 2008

Ich befinde mich gerade am Anfang eines spannenden Projekts, welches ich unter den Arbeitstitel “Virtuelles Lehrerzimmer” gestellt habe. Ich denke, der Titel sagt schon recht viel und ich werde sicher noch mehr berichten. Derzeit läuft die erste kollegiumsinterne Evaluation zur Bedarfs- und Interessenermittlung.

Meinerseits ist eine Plattform geplant, die es Lehrerinnen und Lehrern ermöglicht, sich zusätzlich zu den herkömmlichen Wegen intern auszutauschen. Ich denke da an Lehrerprofile mit Kontaktmöglichkeiten, Foren für wichtige schulinterne Fragestellungen (um nicht alles auf eh schon langwierigen Konferenzen durchdiskutieren zu müssen, sondern bereits vorab ein Stimmungsbild einholen zu können), Umfragen und Abstimmungen online, Austausch von Unterrichtsmaterialien mit der Möglichkeit, diese zu kategorisieren (nach Themen, Klassenstufe, Erfahrungsberichten usw.) und zu bewerten. Einiges mehr ist angedacht, aber noch nicht spruchreif.

Eine der wichtigsten Fragen zu Beginn ist natürlich die Plattform, die man nutzen möchte für ein solches Projekt. Ich habe mich dazu mal wieder etwas genauer umgesehen und bin neben den renomierten Lernplattformen, die sich natürlich anbieten, mal wieder bei Google hängen geblieben. Dies resultiert auch aus den aktuellen Meldungen, dass Google Page-Creator zu Gunsten von Google Sites eingestampft wird.

In einem vorherigen Post habe ich bereits die Idee aufgegriffen, derartige Tools (wie Pageflake, Netvibes, igoogle u.a) für eine eigene Lernplattform zu verwenden. Die sich daran anschließende Diskussion hat einige interessante Aspekte aufgeworfen. Ein weiterer Beitrag in diese Richtung war “The Future of Education“.

Google Sites geht allerdings einen Schritt weiter als alle diese Web 2.0-Tools, die eigentlich nur andere Tools bündeln. Google Sites erlaubt einem zwar ganz ähnlich, die verschiedenen Google Dienste – aber auch andere – einzufügen, gewährt einem bei der Gestaltung der Seite aber noch mehr Freiheiten. So steht einem nahezu das ganze Layout zur Verfügung ohne dabei Programmierkenntnisse mitbringen zu müssen. Mit wenigen Klicks ist eine Seite generiert, der man nicht mehr zwingend ansieht, dass sie mit Google erstellt wurde.

Zusätzlich kann man die Zugänge verwalten und nur ausgewählten Nutzern zugänglich machen. Damit  können geschützte Räume erzeugt werden, was ja im schulischen Raum ein nicht zu unterschätzendes Feature ist. Zwar lässt sich immer nur eine so genannte Google Site generell sperren oder freigeben, es spricht jedoch nichts dagegen, mehrere Sites (also gewissermaßen Räume) zu kreieren und ineinander zu verschachteln bzw. verlinken. Als ich auf der Suche für mein Projekt war, hätte dies eine offene Startseite sein können und lauter geschützte Unterseiten für die einzelnen Fachschaften. Ähnliches ließe sich auch für die Schule mit Fach- und Klassenseiten denken.

Das hat selbst Google erkannt:

Angesichts der Vielzahl der verwendbaren Tools sind damit Dateiaustausch, online Office (via Google docs mit Texten, Tabellen und Präsentationen), Chats, Blogs, Wikis, Podcasts verfügbar und frei zusammenstellbar. Ich glaube inzwischen, dass uns hier zum ersten Mal das hier im Blog schon öfters angesprochene und erwartete Mashup begegnet, welches es selbst unerfahrenen und mit komplexeren Plattformen überforderten Usern erlaubt, eigene Webseiten und in deren Kombination auch Plattformen zu erzeugen, die sich durchaus sehen und nutzen lassen können.

Immer wieder stelle ich fest, wie schnell man bei den herkömmlichen Lernplattformen in den vom Programmieren bzw. Anbieter vorgegebenen Denkstrukturen hängen bleibt. Es wird einem eine Struktur vorgesetzt, die man vielleicht mit einem Template verändern kann. Dann bekommt man eine handvoll Tools, die man integrieren und mit Inhalt füllen und durch ein paar Plugins erweitern kann. Aber bereits diese Plugins verdeutlichen, dass man zu jeder Erweiterung neben dem Standardrepertoire bereits auf einigermaßen versierte Computerkenntnisse angewiesen ist, wenn man es etwas individueller mag.

Dagegen fand ich da Konzept von Google Sites sehr erfrischend. Ich werde es für mein Projekt nicht nutzen, da ich zu den Nutzern gehöre, die möglichst lange und möglichst weitgehende Kontrolle über das eigene Produkt behalten wollen. Zudem ist mein Projekt in meine Ausbildung integriert, so dass ich wohl doch etwas mehr Eigenleistung zeigen muss, als mir eine Lernplattform zusammenzuklicken. Ich habe die beschriebenen Möglichkeiten aber sehr gewinnbringend fürs Brainstorming genutzt und gerade durch die leere Google Site, die ich nach und nach gefüllt und mit weiteren verbunden habe für mich schnell und spielerisch gedanklich mein “Virtuelles Lehrerzimmer” gezeichnet – ganz ohne Mühe, sondern mit gemütlichem Klicken und Hin- und Herschieben.

Mein Urteil fällt somit zweigeteilt aus:

  1. Google Sites eignet sich, um kleinere Plattformen schnell aufzusetzen. Eine Klassenseite mit einem Schülerblog, einem Dateiaustausch und Chat oder Nutzerprofilen ist schnell erstellt, schaut anständig aus und ist auch nach der Fertigstellung weiterhin flexibel. Schön – im Gegensatz zu den herkömmlichen Plattformen – finde ich auch, dass man den Schülern recht gut die Möglichkeit gewähren kann, sich ihre eigene Plattform bzw. ihr eigenes virtuelles Klassenzimmer zu erstellen, da die Bedienung weitestgehend intuitiv ist und man doch schnell in einen “Spieltrieb” verfällt, der einen Neues entdecken lassen will. Und kaputt machen kann man ja eigentlich nichts. Intuitiv, schnell und sauber (kein eigener Server, keine Programmierung) erlauben einen nutzerfreundlichen Gebrauch. Der Einsatz beschränkt sich dann aber wahrscheinlich eher auf ein Projekt, welches zeitlich absehbar und einen nicht allzu großen Nutzerkreis umfasst (Klasse, Austauschprogramm, AG oder Schülerprojekte wie eine eigene SV-Seite).
  2. Dem steht die Auslagerung von Daten und Dokumenten gegenüber. Hinzu kommt die Notwendigkeit eines Google Accounts mit den damit einhergehenden AGBs. Wer es wirklich personalisiert mag und individuell generierbar will und ein paar weitere Computerkenntnisse mitbringt, ist mit einer OpenSource-Plattform à la Moodle schnell besser beraten, da man dann  mit dem Zusammenklicken bei Google an seine kreativen Grenzen stößt. Wer also auf lange Sicht plant und möglichst viel Kontrolle auch hinsichtlich zukünftiger Veränderungen braucht, ist mit Google Sites weniger effektiv unterwegs. Letztlich ist doch auch Google Sites schnell an seinen Grenzen, wenn es komplexer wird.

Aber ich denke, letzteres ist ein allgemeines Problem: Mit den Fähigkeiten wachsen die Ansprüche und mit wachsenden Ansprüchen ist man gezwungen, sich weitere Kenntnisse anzueignen. Google Sites mag hier aber ein guter Einstieg sein, da es weniger Frustrationspotential als manche Lernplattform bereithält – zumal, wenn es innerhalb des Schuljahres schnell gehen muss und man nach einer spontanen und zusammenklickbaren Alternative zu komplexen (wenn auch besseren) Systemen sucht.

Ich denke, ich werde bei Gelegenheit weiter mit Google Sites herumbasteln und vielleicht auch mal ein paar Ergebnisse posten. Einen kurzen Beitrag, der recht positiv über Google Sites berichtet habe ich bei rete-mirabile.net gefunden.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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