Google Docs aus Lehrersicht

Kommentieren 11. August 2008
Langsam wird dieser Blog etwas google-lastig, aber die Aktivitäten seitens eines der bedeutendsten Player im Internet und Web 2.0, in den den Bildungssektor einzudringen, sind zum einen kaum zu übersehen und sollten zum anderen auch nicht übersehen werden.

Am letzten Freitag hat der Suchmaschinenriese ein neues Video veröffentlicht, in dem Lehrerinnen und Lehrer “zu Wort” kommen und von ihren Erfahrungen mit Google Docs berichten:

Natürlich – angesichts des Veröffentlichers – kommt darin eine offensichtliche Begeisterung  zum Vorschein, die man sicher hier und da kritisch hinterfragen sollte. Doch die Beispiele, welche genannt werden, können sicher Anregungen geben, was bereits jetzt möglich ist und auf welchen Wegen eine Integration derartiger neuer Medien in den Unterricht erfolgen kann.

Neben den zu erwartenden Aspekten des “anytime and anywhere” sowie der Möglichkeit der Kollaboration finde ich zwei Äußerungen zitierenswert:

  1. Learning is happening all time of the day!
  2. It allows students to publish and to become publishers on a world wide level!

Ersteres fassen wir hier im Blog in der Vision, dass Lern- und Lebenswelten sich annähern und die Lerngrenzen, die Schule derzeit noch setzt zunehmend erodieren und zu Gunsten eines ganzheitlichen Lernens im Sinne eines fortwährenden und kontinuierlichen Wissens- und Erfahrungserwerbs dem Schüler Gelegenheiten bietet, Lernen zu spontanisieren und entsprechend der eigenen Bedürfnisse zu rhythmisieren (zumindest zu einem großen Teil). Zweiteres zielt in die Richtung der Medienkompetenz. Dieses Stichwort begegnet mir als Referendar im Zuge der zunehmenden Fokussierung auf Kompetenzen (weniger Lernziele) in zunehmenden Maße. Dabei verbleiben diese Kompetenzbeschreibungen aber weiterhin häufig in einem schulischen Kontext, wohingegen die neuen Medien und besonders das Web 2.0 sich eignen, diese Grenzen zu sprengen und Schule auch nach außen zu öffnen. Besonders Medienkompetenz macht keinen Halt an Schultoren und kann sich in meinen Augen auch nicht in Schulen des heutigen Formats entwickeln. Denn Medienkompetenz als die Fähigkeit zu verstehen, für die Schule eine PowerPoint-Präsentation zu erstellen oder für eine Hausarbeit im Internet zu recherchieren, greift in meinen Augen zu kurz. Schule darf in dieser Hinsicht kein Selbstzweck sein, sondern erst der bewusste Umgang mit Öffentlichkeit gibt den Schülern die Gelegenheit, sich auszuprobieren. Natürlich sollte man sich immer kritisch hinterfragen, ob Google der verlässlichste Partner für derartige Ersterfahrungen ist, wie weit und wie schnell man die Lernräume öffentlich macht und wo Kompetenzerwerb aufhört und mediendidaktischer Selbstzweck anfängt. Doch an dem Aspekt, “to allow students to publish” führt wohl kaum ein Weg vorbei.

Weitere interessante Berichte zu Google Docs im Unterrichtseinsatz hat Tom Barrett erstellt. Er dokumentiert in folgenden Posts seine Erfahrungen während und nach einem Unterrichtsprojekt mit Google Docs:

Er beschreibt sehr ausführlich, wie er Google Docs bei seinen 5th-Grade students eingeführt und verwendet hat. Ich halte diesen Erfahrungsbericht für sehr konstruktiv und habe ihn in den letzten Monaten gerne verfolgt. In seinem abschließenden Post fast Tom Barrett die für ihn wesentlichen Punkte zusammen. Ich möchte an dieser Stelle nicht seine lehrreichen Erfahrungsberichte wiederholen, sondern eher von seinen Essenzen profitieren. So formuliert er sehr treffend:

But the tool is not a magic answer to communication and working in a group as you can see from the children’s comments. When you undertake a Google Docs project, if you are working on a shared doc between a group, communication and talk must be the most important focus – not the tool.

Hierin kann ich ihm nur zustimmen. Letztlich ist es doch egal, ob wir mit Google, Zoho oder einer selbstinstallierten Software arbeiten – über allem sollte eine Idee bzw. ein Sinn stehen, der den Einsatz des Tools rechtfertig. Aus diesem Grund bin auch immer sehr skeptisch was Kurse à la “Einführung in Word” oder ähnliches angeht. Welches Tool ich nutze sollte sich nicht an Markführerschaften, Verfügbarkeiten oder dem Argument “das machen alle so” festmachen, sondern vielmehr an der Fragestellung oder dem Produktionsziel festmachen. Ich glaube, jemand, der etwas erreichen will und sich dazu eines Tools bedient, erlernt selbiges “besser” (im Sinne von intuitiver, schneller, effektiver, nachhaltiger) als jemand, der gezeigt bekommt, wann er wo zu klicken hat und ausgetretene oder vorgefertigte Lernwege nur nachverfolgt.

Tom Barret formuliert weiter:

I would strongly recommend the two following elements to focus on if you are undertaking a similar project with your classes.

  1. Model good practices – much of what the children will experience with synchronous document editing is totally new. They may have never done anything like it before and it is a new way to work in the classroom. We found that the children had a better understanding both functionally and socially/collaboratively when we modelled good practice, and gave a commentary about what we were doing as we worked together in Google Docs.
  2. Communication is key – beyond learning about the functionality of Google Docs (which they picked up very quickly) the children need to understand why communicating as a group is so essential. Spend time talking with the children about what to expect and how best to approach different situations. Troubleshoot groups going off track and work as a class to help solve and suggest solutions. I asked my children are you making your work C.L.E.A.RCommunication with your team, Listening to what is going on around you, Eye contact when we are talking, Ask about problems or issues and Review what is going on in the team. (Once again number 1 can apply a great deal here)

Ich hoffe, damit diesem Beitrag ein wenig den Anschein der Google-Werbung genommen zu haben, indem deutlich geworden ist, dass Google einfach aktuell der Anbieter ist, der uns ein setting von Tools anbietet, welches viele Forderungen oder Wünsche abzudecken vermag und durch seine enorme Bildungsoffensive derzeit am prominentesten ist. Ein Seitenblick auf Zoho lohnt aber durchaus und alles, was über das spezielle Potential von Google Docs (also ohne die weiteren Google Dienste zu betrachten) gesagt wird, kann fast 1:1 auf Zoho übertragen werden (dort gibt es zusätzlich sogar ein Wiki).

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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