Bloggen im Unterricht

Kommentieren 07. August 2008

Ein sehr tolles Video mit dem Titel “Blogging – In their own words – Extension of the classroom” zeigt, welches Potential im Bloggen und in dessen Integration in den Unterricht steckt:

Im Folgenden möchte ich ein paar dort formulierte Gedanken aufgreifen:

changing classroom experience: Ich glaube in diesem Punkt liegt der Hauptsächliche Unterschied, den Bloggen im Unterricht gegenüber anderen Lernszenarien hervorbringt – die eigene Wahrnehmung des Lernerns hinsichtlich seiner Integration. Die Schüler im Video formulieren es sinngemäß so, dass sie nicht mehr dem Lehrer nach dem Mund reden müssen – wie beim fragenentwickelnden Unterrichtsgespräch – sondern sich freier und spontaner äußern können. Damit bricht Bloggen im Unterricht deutlich die Lehrerzentrierung auf, da der Lehrer ja quasi nicht mehr “spürbar” vorhanden ist, sondern höchstens in Form eines Kommentars in der Diskussion auftaucht. Zu diesem Aspekt habe ich mir jüngst ebenfalls Gedanken gemacht, was meinen eigenen Unterricht angeht und zwar diesbezüglich, ob es sinnvoll ist, dem Lehrer und seinen Beiträgen im Blogging-Prozess einen übergeordneten Status einzuräumen, indem man z.B. Lehrerbeiträge immer durch die Farbe rot hervorhebt. Nach diesem Video glaube ich, dass dies eher kontraproduktiv sein könnte, da dann ja wieder die Orientierung am Lehrer und nicht an der Diskussion selber stattfindet. An dieser Stelle muss natürlich hervorgehoben werden, dass Bloggen nicht den regulären Unterricht ablösen soll, aber gerade aufgrund seiner “changing classromm experiences” diese Methode gut geeignet ist, andere und verschiedene Lerntypen anzusprechen und neue Integrationsmöglichkeiten für Schüler zu eröffnen.

  • Lerntagebuch: Im Video wird angesprochen, dass sich Bloggen im Unterricht als begleitendes medium dazu eignet, abwesenden Schülern zu erlauben, den Anschluss zu wahren und sich jederzeit über den Fortgang des Lernprozesses zu informieren. Gerade letzteres ist aber sicher auch für alle anderen Schüler sehr sinnvoll, denn ein solches (gemeinschaftlich geführtes) Lerntagebuch, das den Unterricht begleitet, erlaubt es jedem, sich über zurückliegende Stunden zu informieren. Die Kommentarfunktion gibt darüber hinaus die Möglichkeit, sich auch noch nachträglich, gezielt über bestimmte Unterrichtsinhalte auszutauschen – und dies klassenweit und klassenübergreifend. Denn während ich im Geschichtsunterricht irgendwann das Thema Absolutismus verlasse, besteht über einen solchen Blog auch später noch Möglichkeit, auf dieses Thema zurückzugreifen. Für die Schüler in der Form, dass sie selbt bei fortschreitendem Unterrichtsinhalten wieder darauf rekurieren können (außerhalb des Unterrichts); für den Lehrer in der Form, dass einfach Bezüge zu vorherigen Lernergebnissen geknüpft werden können. Man stelle sich nur vor man könne ganz leicht auf die gesammelten Erkenntnisse zu den Kriegsgründen des Ersten Weltkriegs zurückgreifen und diese in die Diskussion über den Zweiten Weltkrieg einzubinden (ich bitte die Beispiele aus meinen eigenen Fächern nachzusehen – sicher ist auch in anderen Fächern hierfür reichhaltiges Potential zu erschließen).
  • Fishbowl-Blogging: Die Fishbowl-Methode ist sicher vielen bekannt und soll an dieser Stelle nicht näher erläutert werden. Die Chancen, die bei der Adaption dieser Methode durch das Medium des Bloggens entstehen, werden im Video sehr gut deutlich. Besonders der Aspekt der Integration eher passiver (im regulären Unterricht) Schüler ist hier nicht zu unterschätzen. Ich kann dies eigentlich nur unterstützen und werde sicher bald mehr berichten können, denn diesen Aspekt möchte ich auch in meiner Examensarbeit im kommenden Schulhalbjahr beobachten.
  • Strukturierung von Gedanken und Sprache: Bloggen als neue Form des Spruchs “erst denken, dann melden, dann reden”. Im Video äußern die Schüler, dass ihnen das Bloggen hilft, zuerst die eigenen Gedanken zu strukturieren, um zu einem ansprechen Bloigbeitrag zu kommen. Dieses Argument kennt man bereits von der Integration von Präsentationsmedien à la Powerpoint in den Unterricht. Auch hier steht die Idee im Vordergrund, dem Lernprozess ein Medium einzuschalten, welches den Wissenserwerb verlangsamt aber nicht hemmt. Durch die Notwendigkeit, sich des zu Äußernden bewusst zu werden, hilft oft, Zusammenhänge und Strukturen des Lerninhaltes besser zu durchschauen. Ich merke dies tagtäglich beim Schreiben dieses Blogs. Doch auch das Schärfen der eigenen Sprache ist nicht zu unterschätzen. Und hierin sehe ich besonderes Potential für den Fremdsprachenunterricht. Wer immer nur in sein Heft schreibt, welches ja eh nur er/sie selber und ab und zu mal der Lehrer liest, gibt sich weniger Mühe eine verständliche und korrekte Sprache zu sprechen als jemand, der sich bewusst sein muss, dass ein breites und womöglich sogar öffentliches Publikum die eigenen Beiträge liest und womöglich auch kommentiert. Natürlich kann man solche bewussten Sprachbeobachtungen auch durch andere Unterrichtsmethoden erreichen, doch wesentlich ist – in meinen Augen – beim Bloggen die intrinsische Motivation, die den Lerner zum Reflektieren anhält.
  • Umgang mit Öffentlichkeit: Hier verlasse ich kurz die Struktur des Videos und ziehe diesen Aspekt vor, da er an den vorherigen anknüpft. Schüler und Lehrer äußern im Video, wie hilfreich der bewusste Umgang mit Öffentlichkeit sein kann. Zum Einen aus den im vorherigen Punkt genannten Gründen (man will sich nicht mit schlechtem Ausdruck in der Öffentlichkeit blamieren), zum Anderen aber auch aus der Sichtweise der medienpädagogischen Erziehung. Aus den Schüleräußerungen geht gut hervor, wie gut sie für den Umgang mit und ihr Verhalten in der Öffentlichkeit sensibilisiert wurden. Ich bin überzeugt, dass man ein solch tiefes und verinnerlichtes Verständnis nicht im Gespräch über die neuen Medien erreichen kann, sondern  nur im aktiven Umgang damit. Wir hatten in diesem Blog bereits spannende Diskussionsansätze zu diesem Schwerpunkt, auf die ich an dieser Stelle gerne wieder verweisen möchte.
  • Informelle Kontaktmöglichkeiten: Dies ist ein Punkt, der in meinen Augen bisher viel zu wenig Beachtung findet in der Diskussion um den Einsatz von Blogs im Unterricht. Denn die Art und Weise, in der durch einen Blog kommuniziert wird, ist eine deutlich andere als die herkömmliche face-to-face-Kommunikation im Unterricht. Für viele Schüler ist es sicher eine andere Erfahrung, mit einem Lehrerkommentar umzzugehen, der über einen Blog geäußert wird, als direkt im Unterricht. Aber auch die möglichen Kommunikationsmöglichkeiten über die Unterrichts- und Fächergrenzen hinweg, sollte nicht unterschätzt werden. Wie einfach ist es doch für einen Englischlehrer der Klasse, Anregungen in den Erdkundeunterricht der Kollegin einzubringen, ohne im Unterricht – aufgrund eigener Stunden – anwesend sein zu müssen. Hier können neue Formen des Projektunterrichts entstehen, die nicht mehr daran scheitern müssen, dass man ja keine Zeit habe, gemeinsame Unterrichtsstunden über die Fachgrenzen hinweg zu gestalten. Aber auch zur schlichten Information des einzelnen Lehrers können Blogs sicher eine Bereicherung sein. So kann der Geschichtslehrer ganz informell mal schauen, was denn sein Sorgenkind so im Französischunterricht leistet, kann mit den Schüler viel gezielter über Inhalte und Strukturen in anderen Fächern sprechen. Und wenn wir bereits beim informellen Kommunizieren sind: Auch Lehrer können eigene Blogs betreiben und so untereinander auf zusätzlichen Wegen Inspirationen und Unterrichtsideen austauschen.
  • Ans Ende möchte ich drei Zitate aus dem Video stellen, die in meinen Augen zusammenfassen, was die wesentlichen Aspekte die wichtigen Botschaften vermitteln:

    It is changing the way we think!

    You can learn from each other and teach each other (Schüleräußerung!!!)!

    If you don’t try you will never know the greatness of it!

    Dieser Beitrag wurde erstellt von René Scheppler.

    P.S. Wer genaut hinsieht und hinhört, erfährt auch, welches Tool im vorgestellten Projekt verwendet wurde: Blogger von google! Aber das ist ein anderes Thema…

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