Medieneinsatz und Genderorientierung in der Grundschule

Kommentieren 22. July 2008

Einen Einblick in die Arbeit mit Computern in der Grundschule geben Conni Kastel und Bettina Jansen-Schulz in einem Aufsatz “Medieneinsatz und Genderorientierung in der Grundschule“, welchen sie in der Lernplattform rpi-locum eingestellt haben.

In diesem bin ich über mehrere Sätze und Formulierungen gestossen, die mir Mut machen, wenn ich mir vostelle, dass derart “medialisierte” Kinder bald in unseren Gymnasien in die 5. und 6. Klassen drängen. Ich möchte im Folgenden einige dieser Gedanken aufnehmen und ergänzen:

Die Schulwirklichkeit ist heute ohne die zielgerichtete und didaktisch fundierte Computernutzung nicht mehr denkbar. Spätestens der Hamburger “Rahmenplan Medienerziehung” macht deutlich, dass es auch in der Grundschule nicht mehr ohne Computer geht. Am Ende der Klasse 4 sollen Schülerinnen und Schüler zumindest mit Schul- und Lernsoftware umgehen können.

Dieser Einstieg in den Artikel hat mich bereits aufhorchen lassen. Derzeit wühle ich mich durch die hessischen Lehrpläne für Gymnasien in meinen Fächern und war schon froh zumindest bei einem Thema, welches nächstes Schuljahr anstehen wird, die Formulierung “Einsatz des Computer möglich” zu finden. Eine Übersicht über die offizielle Implementierung von Medienkompetenz in den einzelnen Bundesländern mag die Zusammenstellung “Konzepte der Bundesländer zur Medienerziehung” von Christa Schröder bieten.

Computer im Unterricht:

Da viele Kinder bei Schuleintritt bereits über Computerkenntnisse verfügen, ist es meist kein Problem, Computer im ersten Schuljahr einzusetzen.

Wenn dies bereits für das erste Schuljahr formuliert wird, wie sieht es dann an Gymnasien aus? Dass es nicht mehr die Hauptaufgabe von Schule sein kann, den Computer oder das Internet inkl. Web 2.0 als solche in den Unterricht einzuführen, wird deutlich, wenn bereits Grundschüler als im Umgang damit als (ausreichend) versiert eingestuft werden (um damit “handwerklich” umzugehen). Im Unterricht kann es in den einzelnen Fächer nicht darum gehen – und dies ist zeitlich auch gar nicht zu bewerkstelligen – “Computerkurse” zu geben, sondern durch den selbstverständlichen und allgegenwärtigen Einsatz neuer Medien können diese – auf den genannten Wissensstand der Schüler zurückgreifend – in den Unterricht integriert und genutzt werden. Dabei sollte die notwendige Medienerziehung hinsichtlich Verhalten und Nutzung von und mit Öffentlichkeit durch Web 2.0 nicht beiseite geschoben werden, kann aber sicher am besten im direkten Umgang und nicht im bloßen Gespräch über derartige Techniken erfolgen, wie die Autorinnen ebenfalls richtig formulieren:

Im Grundschulalter kann eine spielerische Heranführung im Rahmen von Projekte erfolgen. So werden Grundfertigkeiten auch ohne “Computerunterricht” und “-führerschein” erworben und Medienkompetenz angebahnt.

[…]

Die in Grundschulen schon etablierte Form des geöffneten Unterrichts eignet sich sowohl für die Berücksichtigung der Geschlechterinteressen als auch für eine selbstverständliche Nutzung der Neuen Medien besonders gut.

Und damit greifen sie einen Aspekt auf, der wohl einer der schwersten für die Bewältigung in der Schule als noch stark von den Lebenswelten der Schüler abgetrennten Raums ist: der unterschiedliche Umgang von Jungen und Mädchen mit neuen Medien. Hier erkennen die Autorinnen bereits vor dem Eintritt in die Grundschule recht starke Rollenbilder auf beiden Seiten, die aktiv aufgebrochen und bewältigt werden müssen. Es werden verschiedene Beobachtungen aufgelistet, die sich einem bereits früh etablierten Genderverständnis zuschreiben lassen. Aus diesen Erkenntnissen werden abschließend Prinzipien oder vielleicht sogar Forderungen für den Unterricht aufgestellt:

Prinzipien genderorientierten multimedialen Unterrichts

1. Schülerinnen und Schüler in ihren jeweils geschlechtsspezifischen Technik- und Computererfahrungen wahrnehmen, sie darin unterstützen und ihnen gleichzeitig neue – auch gegengeschlechtliche – Erfahrungen ermöglichen: So sollen z. B. Jungen Erfahrungen im kreativen Umgang mit Computern sammeln, indem sie am PC schreiben oder malen. Mädchen dagegen sollten in der Schule Möglichkeiten erhalten, Mathematikprogramme durchzuarbeiten oder Computerspiele zu spielen.

2. Die technischen und die Computerinteressen sowie die Leistungen beider Geschlechter in gleichem Maße achten, abwertende Verhaltensweisen vermeiden und ihnen entgegensteuern: Dazu ist es nötig, die eigene Einstellung als Lehrkraft in Bezug auf die vermuteten Mehrkompetenzen bei Jungen zu überprüfen.

3. Die Identitätsstärkung von Mädchen und Jungen fördern: Dazu ist es notwendig, für Schülerinnen und Schüler Erfahrungsräume zu schaffen, in denen sie ihre je spezifischen Handlungskonzepte erproben können.

4. Genderregeln im Unterricht beachten: Es sollte zur Selbstverständlichkeit werden, dass im Gesprächskreis Jungen und Mädchen nebeneinander sitzen, keine Mädchen- und Jungentische zugelassen werden. Dies bedeutet auch: Es arbeiten prinzipiell ein Mädchen und ein Junge gemeinsam am PC, wobei bei bestimmten Themen7 eine begründet gewählte geschlechtsspezifisch homogene Gruppenzusammensetzung durchaus akzeptiert wird.

5. Mädchen als Technikexpertinnen positionieren: Neue Techniken wie z. B. das Scannen zuerst einer reinen Mädchengruppe erklären, die das Wissen dann der übrigen Klasse weitervermittelt. Dadurch erhalten die Mädchen einen Expertinnenstatus, der dem Bild des technikfernen und -inkompetenten Mädchens entgegenwirken kann.

6. Die Technikkompetenz der Mädchen stärken: Mädchen erleben sich selbst als fähig, mit dem Computer umzugehen und zeigen dies der übrige Klasse und den Lehrkräften.

7. Das System von Chefin und Chef einführen: Mädchen und Jungen übernehmen gemeinsam und gleichberechtigt die Verantwortung für wichtige Bereiche in der Klasse, so auch für den bzw. die Computer. Sie werden zunächst von der Lehrkraft eingewiesen und bilden später ihrerseits neue Chefinnen und Chefs aus.

8. Unterrichtsorganisation: Nur die regelmäßige und kontinuierliche Nutzung im Unterricht “entzaubert” den Rechner.

9. Medienangebote sinnvoll einsetzen und nutzen: Mädchen und Jungen müssen lernen, den Computer situations- und problemorientiert einzusetzen. Nicht immer ist es richtig, im Internet oder auf elektronischen Lexika nach Informationen zu suchen, wenn im Klassenraum auch (noch) Bücher vorhanden sind. Hieran lernen Jungen, sich nicht nur auf Elektronik zu verlassen, Mädchen dagegen, die Elektronik adäquat einzusetzen.

10. Mädchen und Jungen durch geschlechterbewusste Sprache im Unterricht ansprechen und auch benennen. Lehrkräfte sollten den neutralisierenden Begriff “Kinder” vermeiden und vielmehr bei Aufgabenstellungen und in Berichten von “Mädchen”, “Jungen”, “Schülerinnen” und “Schülern” sprechen und sie damit auch in ihren je spezifischen Unterschieden meinen und berücksichtigen. Dies ist keine “Höflichkeitsfloskel”, sondern eine Hörbar-, Sichtbar- und Bewusstmachung von Geschlecht.

Besonders spannend finde ich die Punkte 7 bis 9. Die Stärkung der Eigenverantwortlichkeit sowie die feste Etablierung neuer Medien im Unterrichtsalltag sind in meinen Augen wichtige Schlüssel auf dem Weg, die Schule mehr zu technologisieren. Auf der einen Seite müssen Computer als etwas Besonderes in der Schule entzaubert werden. Auf der anderen Seite ist dies nicht durch enge Korsette oder gar explizite “Computerschulungen” zu erreichen, da dabei Schule automatisch immer einen Schritt hinterher hinken wird und die Lehrer auf kurze Sicht kaum in der Lage sein werden, die Schüler “dort abzuholen, wo sie stehen”. Letzteres erkenne ich auch als eine große Angst vieler Lehrer: von den Schülern “überflügelt” zu werden. Diese Gefahr sehe ich aber vor allem in expliziten “Computerstunden”, in denen Schüler schnell erkennen, dass sie oft weiter sind als der Lehrer. Bei pointierten und zielgerichteten Einsätzen dieser Medien, die auch zeitlich und in der Nutzung ihrer Tools fokussiert sind, wird diese “Gefahr” und die damit einhergehende Angst minimierbar, da es nicht mehr um technische “Prahlerei” seitens der Schüler gehen kann, sondern der effektive Einsatz spezifischer, auf die Problemstellung zugeschnittene Medien geht.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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