Didaktische Konzeption von Angeboten des Online-Lernens

Kommentieren 16. July 2008

Auf einen sehr spannenden Artiekl von Michael Kerres, Nadine Ojstersek und Jörg Stratmann bin ich eben gestossen. Unter dem Titel “Didaktische Konzeption von Angeboten des Online-Lernens” geht es um die daktische Integration neuer Medien in den Unterricht. Bereits der einleitende Abstract zwingt jeden mit neuen Medien Lehrenden zum Weiterlesen:

Der Beitrag thematisiert die didaktische Konzeption von internetgestützten Lernangeboten. Die Qualität eines Lernangebotes entsteht nicht durch das Internet selbst und auch nicht durch eine mehr oder weniger selbst‐ oder fremdgesteuerte Anlage der Anwendung. Sie entsteht vielmehr durch die richtige Passung des Lernangebotes zur Lernsituation. Hierzu sind bestimmte Analyse‐ und Spezifikationsschritte vorzunehmen, etwa die Analyse von Zielgruppen, die Spezifikation von Lehr‐Lernzielen, die Wahl von didaktischen Methoden und Medien in einem Lernszenario.

Die oft implizit mitschwingende Behauptung vieler Verfechter des e-Learning, die Medien an sich würden bereits den Unterricht verbessern, wird direkt zu Beginn entzaubert:

Dabei wird deutlich, dass die Vermutung, bestimmte Mediensysteme seien anderen als solches

überlegen, nicht bestätigt werden kann: Internetbasierte Lernangebote sind nicht besser als Bücher.

Eine triviale aber nicht zu unterschätzende Feststellung. Immer wieder liest man Argumente, dass die Nutzung von Computern alleine bereits die Motivation fördern würde. Dies mag vielleicht beim ersten Mal so sein, wenn man zudem noch einer der ersten Kollegen ist, die soetwas im Unterricht verwenden, dieser Effekt wird aber sehr schnell verpuffen. Woraus auch bereits deutlich wird, was hier eigentlich die Motivation erzeugt – bestimmt nicht ein Computer, weil er ein Computer ist.

Das gleiche Problem stellt sich bei der Diskussion über den „richtigen“ lerntheoretischen Ansatz: Die aktuelle Diskussion favorisiert etwa durch Überlegungen des Konstruktivismus inspirierte Modelle gegenüber behavioristischen Ansätzen des Lernens, die vielfach als überholt dargestellt werden (vgl. etwa Schulmeister, 2001). Doch aus Sicht des didaktischen Designs fokussieren diese Ansätze lediglich unterschiedliche Aspekte des Lerngeschehens und kommen deswegen zu unterschiedlichen Aussagen. Lernen und Lehren sind jedoch komplexe Phänomene in einem sozialen Kontext. Die vorliegenden lerntheoretischen Modelle sind bei der Planung und Gestaltung von Lernszenarien zu einem sinnhaften Ganzen zusammenzufügen.

Ich stimme Kerres u.a. zu, dass sich gelungenes e-Learning nicht aus dem Verfolgen einer Lerntheorie ergibt. Der aktuelle Forschungsstand zum Lernen ist einfach – und ich denke, sich dessen bewusst zu werden, bewahrt einen vor mancher “ideologisch” geführten Diskussion – auf einem Niveau, auf dem wir “nur” Theorien und Modelle anbieten können. Wie Lernen en detail “funktioniert”, ist der Menschheit zum aktuellen Zeitpunkt schlicht nicht bekannt. Sich also auf einzelne Modelle zu fixieren, bringt keinen Fortschritt. Mehrere Modelle zu kennen, diese miteinader in Beziehung zu setzen und sich angesichts der vor einem befindlichen Lerngruppe analytisch für ein Vorgehen zu entscheiden, mag der sinnvollere Weg zu sein, als sich apodiktisch festzulegen.

Die Herausforderung besteht also darin, diese Passung herzustellen, d. h. der Fokus der Mediendidaktik verschiebt sich von den Merkmalen des Medienproduktes hin zu dem Prozess der Gestaltung solcher Lernangebote: Die Qualität des Lernangebotes hängt dann davon ab, ob es gelingt, die mediendidaktische Analyse, Konzeption und Evaluation angemessen anzulegen und die richtigen Schlussfolgerungen hieraus zu ziehen. Das zentrale Anliegen einer solchen auf Gestaltung ausgerichteten Mediendidaktik ist deswegen nicht die Bewertung von Medienprodukten bzw. die Benennung „guter“ Medien, sondern die Frage, wie man ein mediengestütztes Lernangebot entwickelt, dass ein bestimmtes Bildungsanliegen einlöst. Im Mittelpunkt steht dann die Forderung nach der effektiven Bewältigung von Bildungsproblemen und einem wirkungsvollen, effizienten und nachhaltigen Einsatz der dabei eingesetzten Mittel.

Wie verführerisch Diskussionen über Vor- und Nachteile von Medien und Lernplattformen sein können, mag jeder bereits erfahren haben, der sich bereits mit einem ebenfalls technikaffinen Partner über diese Dinge versucht hat, auszutauschen. Sehr schnell, werden technische Aspekte gegeneinander aufgewogen oder über Feinheiten der zugrundeliegenden Technik erörtert. Dass man aber durchaus auch mit einer “schlechten” Plattform “guten” Unterricht halten kann wie andersherum, halte ich für sehr wahrscheinlich. Oder um es bildlich auszudrücken: Wer ständig über die Verpackung diskutiert, wird nie erfahren, wie gut deren Inhalt schmeckt. Und oft sind es die eigenen Gewürze (Inhalte, Aufbereitung, Präsentation, Auftreten, Einbindung in ein didaktisches Konzept usw.) die ein Standardgericht (das Medium, die Lernplattform) erst richtig schmecken lässt.

Auch die weit verbreitete Annahme, e-Learning bestünde aus dem Bereitstellen von online verfügbaren Dokumenten, Aufgaben oder Dateien, wird von Kerres u.a. aufgegriffen. Anhand mehrer Faktoren wird aufgezeigt, welche Aspekte bei der Gestaltung einer virtuellen Lernumgebung zu beachten seien.

Die Konzeption von multi‐ und telemedialen Lernumgebungen ist demnach ein mediendidaktisches Gestaltungsproblem, das von der Analyse des didaktischen Feldes ausgeht. Diese Analyse umfasst folgende Faktoren, die grundsätzlich bei der didaktischen Planung zu berücksichtigen sind:

• Merkmale der Zielgruppe

• Spezifikation von Lehrinhalten und -zielen

• didaktische Methode

• Merkmale der Lernsituation und Spezifikation der Lernorganisation

• Merkmale und Funktionen der gewählten Medien und Hilfsmittel.

Und dies ist im Folgenden auch die Struktur des Artikels, indem auf die einzelnen Aspekte kurz eingegangen wird. An dieser Stelle soll nicht auf alle einzelnen davon eingegangen werden, da bereits aus den obigen Bemerkungen deutlich geworden sein sollte, in welche Richtung die Intention des Aufsatzes führt.

Einen letzten Aspekt, mit dem auch Keres u.a. schließen, möchte ich aber noch aufgreifen:

Mit der ubiquitären Verfügbarkeit von Internet und digitalen Medien und deren

selbstverständlichen Nutzung und Integration in den privaten und beruflichen Alltag sind Elemente des mediengestützten Lernens zunehmend selbstverständlich. Mit der wachsenden Anzahl der Optionen für die Gestaltung entsprechender „Lernarrangements“ ist jedoch auch ein deutlich professionelleres Bildungsmanagement gefordert, um diese Optionen angemessen auf die sich konkret stellenden Herausforderungen zu gestalten.

Denn hier sehe ich indirekt auch die Lehrerbildung zur Sprache kommen. Wie Kerres u.a. richtig erkennen, wird es eine zunehmende Herausforderung für Lehrende sein, aus einer permanent und immer schneller wachsenden Anzahl von Medien und deren verschiedenen Ausformungen in Form von Tools und Appllikationen ein die eigene Lerngruppe ansprechendes und zu deren Bedürfnissen passendes Setting zu kreieren. Der Lehrer wird zu zu einem Verwalter und Organisator im multimedialen Raum – was nicht verhindern soll, das Lerner durchaus selber in der Lage sein können und sollen, verschiedene Medien auf ihre Brauchbarkeit für den eigenen Lernprozess zu evaluieren und entsprechend zu nutzen. Doch der Lehrer muss zumindest als Berater zur Seite stehen können. Und für derartige Aufgaben ist in meinen Augen eine Ausbildung in Form eines mehrmonatigen Referendariats mit darin implementierten, mehrstündigen Seminaren nicht geeignet. Die grundlegende Medienkenntnis sollte und kann durchaus und sehr gewinnbringend Bestandteil einer Grundausbildung sein, ein wesentlicher Fokus sollte aber auf dem Aspekt der Vernetzung von Referendaren und Lehrern sein, die sich auch über die Grundausbildung hinaus gegenseitig “auf dem Laufenden” halten können und durch ein nach “unten” offenes Community-Netz immer wieder durch junge Kollegen angestossen werden. Alle paar Jahre einen Wochenendlehrgang zu besuchen, sich auf die Referendariatsmodule zu verlassen, kann nicht der richtige Ansatz hinsichtlich eines lebenslangen Lernens und vielleicht fast so langen 😉 Lehrens sein. Wer in der Lage ist, mit und von anderen zu Lernen auch was Lehren angeht, wird in meinen Augen ein effektiveres und zufriedenstellenderes Potential entwickeln, sich in einer medial wandelnden Umgebung sicher und nicht überfordert zu fühlen. Das web 2.0 bietet hierzu ideale Strukturen.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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