Twitter im Unterricht

Kommentieren 14. July 2008

Ich bin eben auf einen Blogbeitrag von Tom Barrett mit dem Titel “Twitter – A Teaching and Learning Tool” gestoßen. Eines vorneweg: es ist ein sehr lesenswerter, gut formulierter und detaillierter Beitrag, der viele Aspekte und Reflexionen bietet.

Tom Barrett beschreibt – ohne den kompletten Beitrag referieren zu wollen – welches Potential er in der Nutzung von Twitter im Unterricht sieht. Er legt die besondere Struktur Twitters dar, die in der Verbindung von synchroner und asynchroner Kommunikation liegt. Twitter füllt die Lücke, die sich zwischen der rein synchronen Kommunikation eines Instant Messengers und der rein asynchronen Kommunikation in Form von E-Mails ergibt. Nicht nur, dass dieses Web 2.0-Tool diese Formen miteinander verknüpft, es erlaubt darüber hinaus nahtlose Übergänge zwischen ihnen – in beide Richtungen (siehe die Grafiken zur Erklärungen bei Tom Barrett).

Er nutzt eine hübsche Metapher um weiter zu beschreiben, wie die Kommunikationsstränge in Twitter zwischen Individuen und Gruppen funktionieren:

My favourite metaphor for how we use Twitter is the idea that it is a river that is constantly flowing. And that when we open up the Twitter site in our browser or start up Twhirl we are at the banks looking on. Some of us stay on the banks, roll out our picnic rug or unfold that favourite chair and settle in to watch the information stream pass by. Others quietly observe from the banks for a short time but have their trunks on underneath their clothes, and were always going to jump in and contribute. However we choose to interact with this ever moving and changing flow of information, whenever we move away from the current we no longer see the flow – it passes us by, it carries on downstream. We can still hear the ripples and froths of the information eddying and ebbing along (or is that Twhirl alerts) but we no longer see it or interact with it directly. Understanding this distinct current is vital to make the most of Twitter in the classroom. I could ask for some contribution to a lesson, but those people momentarily away from the riverbanks could easily miss this request. My network may well return but the request will already be bobbing downstream out of sight.

Schließlich beschreibt er auch einige konkrete Szenarien, die sich für die Nutzung von Twitter im Unterricht eignen würden und unterteilt sie in die Gruppen

  • Kreatives
  • Datenerhebung
  • Meinungsbildung
  • Informationsbeschaffung
  • Lokalisierung
  • Herausforderung / Wettbewerb

Bevor jetzt jemand aussteigt, weil er Twitter nicht kennt, hier ein kurzes Video:

Ich halte diese grundsätzlichen Ideen für die Implementierung von Twitter für durchaus nachvollziehbar. Allerdings bin ich über einen Aspekt gestolpert, der mir während des Lesens immer bewusster wurde: Tom Barrett nutzt sein eigenes Twitter-Netzwerk! Er beschreibt, wie wichtig es ist, sich ein verlässliches Netzwerk aus Followern aufzubauen, um nicht Gefahr zu laufen, im Unterricht keine Antworten zu bekommen.

Schon oft wurde in diesem Blog darauf hingewiesen, dass das Web 2.0 ideal dazu geeignet ist, die Grenzen zwischen Lern- und Lebenswelten zu überbrücken. Allerdings – so muss ich gestehen – habe ich dabei doch immer die Welten der Schüler im Kopf gehabt. Ich habe zwar bereits angedacht, dass auch Lehrer die Web 2.0-Tools nutzen können – hatte dabei aber weitestgehend eine Verknüpfung von Lehrern untereinander im Kopf. Tom Barrett geht nun einen deutlichen Schritt weiter. Er verbindet seine eigene Lebenswelt mit seiner Lehrwelt und vollzieht damit quasi genau die Forderung, die von den Schülern erwartet wird.

Doch noch mehr: Tom Barrett beschreibt, dass er seine “schulischen Twitterfragen” immer mit einer besonderen Floskel einleitet:

Anytime I would ask my Twitter PLN to be involved with the class with their responses I would always precede my response with, “I am working with my class…” or something similar indicating to all that it is directly for teaching and/or learning. I think that this helps persuade fellow professionals to contribute.

Damit bringt er nicht nur sein eigenes Netzwerk, welches doch eigentlich zu seiner Lebenswelt gehört, in den Unterricht hinein, er trägt den unterricht zu einem Stück weit auch aus diesem heraus. Er durchbricht die Wände des Klassenraums, indem er Unterrichtsfragen der Schüler in sein Netzwerk einbindet und deren Antworten wiederum im Unterricht verwertet. Diese Idee steckt ja auch grundsätzlich hinter derjenigen, Blogs und Wikis im Unterricht zu erstellen, die in gewissen Szenarien öffentlich sind, um genau dieses öffentliche Feedback zu bekommen und die Arbeit der Schüler einer größeren Wertschätzung als der gewohnten durch den Lehrer zuzuführen (bei Blogs sollte man sich diesen Schritt genau überlegen, Wikis können nach einer internen Bearbeitungsphase sicher nach der Fertigstellung relativ problemlos publiziert werden).

Ich halte diese beiden Aspekte, die Tom Barrett hier offenbar mit einer gewissen Selbstverständlichkeit propagiert, für sehr innovativ und bemerkenswert. Ich halte dies für absolut konsequent, wenn wir auf der anderen Seite fordern oder anstreben, dass Lernen mehr an die Lebenswirklichkeiten der Schüler angenähert werden sollen. Ist Tom Barretts Idee dann die logische Konsequenz für uns Lehrer?

Ich selber schrecke ja  – das muss ich zugeben – noch etwas vor dieser letzten Konsequenz zurück, auch wenn mir zunehmend bewusst wird, dass es sich zu einem gewissen Grad evtl. nicht vermeiden lassen wird. Doch gibt es noch andere Szenarien, in denen Twitter eine Bereicherung des Unterrichts sein kann? Ich habe folgende Szenarien angedacht und würde mich über Feedback dazu freuen:

  • Brainstorming: Brainstormingphasen sind normalerweise auf kurze, schnelle Austauschrunden angelegt. Wenn man diese ausdehnt – z.B. über mehrere Tage – würde sich Twitter prima anbieten. Aufgrund der synchronen und asynchronen Kommunikationsstrukturen wäre es z.B. einzelnen Klassenmitgliedern möglich, sich über das Ziel und die Organisation der nächsten Klassenfahrt auszutauschen. Die Schüler und Lehrer könnten recherchieren, ihre Ideen twittern und auf andere reagieren. Es wäre möglich, die einzelnen Beiträge zu überprüfen (z.B. Links verfolgen). Man hätte in einem Tool die Option, diesen Austausch synchron zu starten, asynchron über mehrere Tage fortzuführen (mit “zufälligen” synchronen Zwischenphasen), um dann in der Gruppe zu einem Abschluss zu kommen. Die Idee ist der eines Wikis nicht unähnlich, in meinen Augen aber für wenig komplexe Probleme flexibler.
  • Integration von Experten und Eltern: In Form eines Klassen-Twitter-Netzwerks, wäre es relativ schnell und unkompliziert möglich, externe Experten und Eltern in die Klassengemeinschaft zu integrieren. Ich könnte mir vorstellen, einen Förster zu gewinnen, Follower der Klasse in Twitter zu werden, so dass diese innerhalb einer Unterrichtseinheit “Wald” die Gelegenheit hätten, konkrete Fragen, die sich im Unterricht ergeben über einen Laptop in der Klasse oder ein Mobiltelefon direkt zu stellen. evtl. erfolgt die Antwort innerhalb von Minuten, oder aber (da der Förster ja auf Fragen gefasst ist und weiß, wann der Unterricht stattfindet) zur nächsten Stunde. Darüber hinaus, gäbe es auch außerhalb des Unterrichts für einzelne Schüler (z.B. bei Hausaufgaben) dieses Netzwerk intern oder aber auch extern zu nutzen. Ähnlich wäre das Szenario für Eltern, die als Follower eingebunden werden und bei Organisatorischem, als beruflicher Experte in Form der bereits von Tom Barrett vorgeschlagenen Optionen in den Unterricht eingebunden werden könnten.
  • Fremdsprachen-/Schulpartnerschaften: Als ich zur Schule ging, wurden Austauschprogramme noch mit Brieffreundschaften zu den jeweiligen Partnerschülern aufgebaut bzw. angebahnt. Heute ist die E-Mail dazu sicher das gängigste Mittel, da es schneller und kostenfreier ist. Doch wie wäre es, einzelne Austauschpartner oder sogar ganze Klassen in zwei verschiedenen Regionen/Ländern zu Twitter-Followern zu machen? Zur asynchronen Kommunikation käme eine kostenlose synchrone Kommunikationsmöglichkeit. Und im Gegensatz zu rein synchronen Kommunikationstools besteht bei Twitter jederzeit die Möglichkeit, das Gesprächstempo seinem eigenen Lern-/Leistungsstand anzupassen, da – wie bereits erwähnt – die Übergänge zwischen synchroner und asynchroner Kommunikation fließend und durch die Teilnehmer frei bestimmbar sind. Zudem – im Gegensatz zur auf meist zwei Partner beschränkten E-Mail (von schnell sehr unübersichtlich werdenden Strängen von Gruppenmails mal abgesehen, die ich für solche Szenarien für unbrauchbar halte) – können schnell und unkompliziert weitere Partner als Follower aufgenommen werden. Der klare Vorteil gegenüber den auch sehr verbreiteten “Gruppen” in Social Network-Plattformen à la SchuelerVZ ist die barrierefreiere Kommunikationsform (während sich Gruppendiskussionen auf Plattformen eher ähnlich einem Forum abspielen, bietet Twitter eine offenere Struktur). Zudem können die bewusst kurz gehaltenen, dafür aber häufigeren Redebrocken die Scheu vor der leeren E-Mail nehmen und den Einstieg in die Konversation erleichtern und spontanisieren.

Dies sind drei Modelle, die noch nicht gänzlich zu Ende gedacht sind und viel mehr jeder Art der Erfahrung mangeln. Ich möchte damit lediglich das Potential andeuten, welches Twitter-ähnliche Netzwerke anbieten könnten.

Des weiteren möchte ich auch nochmals auf das Post “Those wacky kids” zurückverweisen, das – rückwärtig betrachtet – in dieser Hinsicht auch einige Denkanstösse liefern kann, die mir neulich noch nicht aufgefallen sind.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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