Lernen durch Lob – Hat sich im Netz unversehens eine andere Pädagogik entwickelt?

Kommentieren 07. July 2008

Einen sehr interessanten Beitrag bei heise.de hat gestern Marcus Hammerschmitt geliefert. Unter dem Thema “Lernen durch Lob – Hat sich im Netz unversehens eine andere Pädagogik entwickelt?” beschreibt er die sich durch das Web 2.0 entwickelnden Veränderungen in der “abendländischen” – so Hammerschmitt – Lernkultur:

Viel hat man gehört über das Web 2.0 – ein Begriff, der mittlerweile nur noch in Ermangelung eines besseren benutzt wird – so viel, dass man zeitweise glauben konnte, es bestünde nur aus Diskussionen über sich selbst. Aber ein Aspekt der veränderten sozialen Beziehungen im sozialen Web wird selten beleuchtet: die Bedeutung der “Intelligenz der Schwärme” für die Lernprozesse der Schwarmmitglieder.

Er beschreibt die sich immer weiter ausbreitenden Web-Communities zu verschiedensten Themenbereichen und findet heraus, dass es sich dabei tatsächlich um Orte des Lernens handelt. Denn in seinen Augen findet dort ein Austausch statt, in dem sich die einzelnen Teilnehmer gegenseitig befruchten.

Erstaunlich finde ich allerdings seine “Diagnose”:

Die abendländische Pädagogik (und nicht nur die) ist trotz aller Reformanstrengungen eine des Schmerzes. Es geht im Kern um eine Meister-Schüler-Beziehung, bei der ein Meister vielen Schülern den Weg zeigt, hauptsächlich durch das Mittel der Kritik. Dass diese Form der Pädagogik wirksam ist, wird niemand bestreiten, aber demokratisch ist sie unter keinen Umständen. User-Cluster, die sich in einer Art “Palaverdemokratie” durch Lob (oder eben die Abwesenheit von Lob) selbst erziehen, sind in diesem Modell nicht vorgesehen.

[…]

Wer ein wenig Geduld mitbringt, wer immer wieder hinschaut, der entdeckt, dass unter den Umständen der Palaverdemokratie, des Lernens durch Lob Qualitätssprünge möglich sind. Freilich stellen sich die nicht gesetzmäßig ein, und sie brauchen ihre Zeit. Was auch genau der Grund dafür ist, dass diese Form des Lernens nicht auf die Fälle übertragen werden kann, in denen die Gesellschaft möglichst schnelle, prüfbare und normierte Ergebnisse haben will.

So gern man auch über “life-long learning”, Schulreformen und Ähnliches diskutiert – das sind viele Fälle. In Schule, Ausbildung und zunehmend auch wieder in der Universität (siehe Bologna-Prozess vorerst gescheitert?) ist die Macht des Normierung ungebrochen, Gruppenarbeit hin, eigenverantwortliches Lernen her. Am Ende wollen die Verantwortlichen einen bestimmten, Schnitt, Kniff, ein Set von prüfbaren Kenntnissen sehen. Aber wer wissen will, wie Lernen wirklich anders funktionieren könnte, der kann sich einmal das Lernen durch Lob in den letzten Reservaten des Web 2.x anschauen.

Ich halte diesen Ansatz auf jeden Fall für bedenkenswert (wertfrei!). Ist es tatsächlich die dem Web 2.0 zugrunde liegende Form der gegenseitigen Bewertung, die Anreize für Lernen schafft? Ist es das gegenseitige gruscheln, kuscheln usw. was die Teilnehmer “bei der Stange hält” und motiviert?

Zu meiner Schulzeit grassierte unter Lehrern und Eltern immer wieder spöttisch das Schlagwort der “Kuschelpädagogik”. Und auch heute muss ich mich nicht lange in manchem Lehrerzimmer oder Referendarsseminar aufhalten, um Statements wie “Lernen muss auch mal wehtun” zu hören. Sind wir damit auf dem Holzweg? Zeigt uns das Web 2.0 gerade, dass derartige Motivationen durch Lob, gegenseitige Anerkennung und vor allem Respekt – denn wenn ich den Artikel und das Web 2.0 richtig verstehe, ist es gerade dies, was zur ungebrochenen Akzeptanz durch seine Mitglieder führt – sind, die Lernen erst ertragreich, gewinnbringend oder gar sinnvoll machen?

Ich kann mit Hammerschmitt konforn gehen, wenn er die zunehmend starre Fokussierung auf messbare und überprüfbare Lernerfolge kritisiert. Allerdings frage ich mich, ob es tatsächlich die im Web 2.0 gepflegte Kultur der gegenseitigen Annäherung auf vorsichtigstem Niveau ist, welche die unbestritten vorhandenen Lernerfolge erbringt. Denn wie Hammerschmitt selber feststellt, “lobt man entweder, man schweigt oder äußert allenfalls milde Geschmacksurteile subjektiver Natur, die von vornherein keine Allgemeingültigkeit beanspruchen”. Ist das wirklich eine Perspektive für den Unterricht?

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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