Web 2.0 – eine pädagogische Herausforderung?

Kommentieren 30. June 2008

Unter dem Titel “Web 2.0 – eine pädagogische Herausforderung?” veröffentlichte die Initiative Schulen an Netz ein Interview mit Volker Rüddigkeit vom Hessischen Amt für Lehrerbildung. Leider will es mir nicht gelingen, herauszufinden, wann dieses Interview geführt wurde.

Besonders interessant fände ich das Publikationsdatum des Interviews aufgrund folgenden Zitats:

Schulen ans Netz: Und wie sieht es nun bei Lehrkräften aus?

Volker Rüddigkeit: Nun, hier sieht es düster aus. Die weitaus größte Gruppe der Web 2.0-Nutzer stellen die unter Dreißigjährigen und damit auch unsere Schüler. Lehrer selbst wissen vom Web 2.0 bisher herzlich wenig, wie ich es immer wieder selbst bei meinen Vorträgen zum Thema Web 2.0 erlebe. Das dionysische Web 2.0 kennen sie nicht und das apollinische Web 2.0 nutzen sie noch nicht! Wir haben etwa 750.000 Lehrer in Deutschland und nur etwa 100 davon führen nach meinen Recherchen ein Blog. Es erscheint fast schon peinlich, wenn immer wieder in allen Publikationen der sicher gut gemachte Blog des Herrn Rau als Beweis dafür herhalten muss, dass auch Lehrer bloggen oder die Elefantenklasse als Alibi für Blogs in der Grundschule herhalten muss! Besser sieht es mit Wikis aus, aber von Schweizer Verhältnissen, wo Wikis und Blogs schon in den Schulalltag eingezogen sind, können wir nur träumen. Mehr als einige wenige Leuchttürme haben wir nicht aufzuweisen.

Kurzum, anstelle von Web 2.0 gibt es bei uns Ahnungslosigkeit 2.0, und zwar angefangen von den Kultusministerien über die Schulämter bis hin zu den Schulen selbst. Während man in Unternehmen längst erkannt hat, welche Potenziale Blogs z.B. für die Öffentlichkeitsarbeit bieten, warte ich immer noch auf den ersten Kultusminister respektive Kultusministerin oder den ersten Schulleiter, der Eltern, Lehrer und Schüler via Blog informiert und damit zur Diskussion einlädt. Der Blog als quasi informelles Pendant zum Amtsblatt!

Das sind doch schon drastische Äußerungen, an denen aber durchaus etwas dran ist, wie wir ja auch wieder bei unserem Workshop festgestellt haben. Noch immer handelt es sich beim Einsatz von einfachstenauf Web 2.0 basierenden Techniken um Visionen hinsichtlich deren Einsatzes im Klassenzimmer. Ob es nun wie Herr Rüddigkeit formuliert an Ahnungslosigkeit scheitert, an technischen Vorraussetzungen oder an teilweise atemberaubenden Gesetzen, die einen beginnend beim Copyright und den Persönlichkeitsrechten von Schülerinnen und Schülern entweder einschränkt oder mit einer Flut von Bürokratie überschwemmt.

Gefragt nach den pädagogischen Herausforderungen, formuliert Rüddigkeit:

Der Lernraum Schule, wo in der Regel Präsensunterricht stattfindet, wird erweitert um die häusliche Umgebung, wo in der Tat das Lernen mit digitalen Medien selbst organisiert werden muss. Und hierzu bedarf es kompetenter Medienpädagogen, die den Schüler als Medien-Koordinator begleiten, kompetenzorientierte Lernprozesse anstoßen und ihn dazu befähigen, informelle Lernmöglichkeiten zu nutzen und damit Lernen selbst zu organisieren. Mit den Möglichkeiten des Web 2.0 können hier enorme Potenziale genutzt werden, auch die Interaktivität zwischen den Lernenden zu fördern. wie z.B. Blogs als unterrichtsbegleitende Lerntagebücher oder Wikis, um den Lernfortschritt zu dokumentieren. Ganz zu schweigen von Unterrichtssequenzen und den zahlreichen thematisch aufbereiteten audiovisuellen Medien, die als Podcasts und Videocasts den Schülern jederzeit zur Verfügung stehen und ein orts- und zeitunabhängiges Lernen ermöglichen.

Dabei kann man ihm eigentlich nur zupflichten. Das Potential, welches in einem sinnvollen und ausgewogenen Einsatz zusätzlich zum Präsenzunterricht durch neue Medien entsteht, ist momentan wohl noch gar nicht in Gänze absehbar. Zuvor deutet Rüddigkeit noch die Angst von Lehrern an, durch diese Medien quasi überflüssig zu werden (ähnlich der Angst der Printmedien vor Blogs&Co). Ich denke, diese Angst braucht man als Lehrer nun wahrlich nicht zu haben, denn auch wenn sich die Rolle des Lehrenden ändern wird – hin zu einem Moderator und Lernassistenten für Schülerinnen und Schüler -, wird die Person des Lehrers nie überflüssig. Denn – und dies wird auch bei der Nutzung und dem Umgang mit den Medien Internet und Web 2.0 oft gerne übersehen – es braucht stets einen koordinierenden “Administrator” im Hintergrund jeder funktionierenden Lernplattform, hinter jedem Wiki und jedem Blog. Wir werden immer jemanden brauchen, der uns Denkanstösse gibt, der uns beim Aufbau von Strukturen assistiert und der als Ansprechpartner bei Problemen zur Verfügung steht. Dies gilt umso mehr für Schülerinnen und Schüler, die bei der Entdeckung der genannten Medien alleine zu lassen, mehr als sträflich wäre. Denn erst der richtige Umgang, die ausreichende Sensibilisierung und schließlich der wertende Blick mit und auf die zur Verfügung stehenden Medien erlaubt es zukünftigen Generationen, einen demokratischen und effektiven Nutzen aus der Technik zu ziehen.

Und diese Grundsätze scheinen auch Rüddigkeit bei folgender Äußerung vorzuschweben:

Nun, Blogs, Wikis oder Podcasts sind letztlich nur Werkzeuge, wichtig sind die Ideen dahinter und die Potenziale, die daraus für den Unterricht erwachsen. Der Königsweg ist m.E. die Lehreraus- und fortbildung, hier muss man schnellstens auf die neue Interaktivität im Web 2.0 reagieren. Nur wenn Lehrer für ihre eigene Fort- und Weiterbildung Blogs, Wikis, Webquests und Podcasts einsetzen, also E-Learning 2.0 praktizieren, und z.B. Social Bookmarking als Bereicherung für ihr persönliches Wissensmanagement erfahren, können sie diese medienpädagogischen Innovationen überzeugend und nachhaltig in schulische Lernumgebungen einbringen und situativ im Unterricht anwenden.

Die Integration in die Lehrerbildung ist somit der erste Schritt, den zu gehen sicher viele Studienseminare allmählich begreifen. Und unterstützt durch Workshops wie dem unseren sehe ich gute Chancen, dass die Integration von Web 2.0 in den Unterricht vielleicht noch vor der Etablierung des Web 3.0 einigermaßen flächendeckend (zumindest in Ansätzen) erfolgen kann.

Rüddigkeit äußert sich auch noch zu der Notwendigkeit, Lernplattformen wie Lo-Net für das Web 2.0 zu öffnen, aber dazu lest selber…

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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