Neuerfindung des Klassenraums?

Kommentieren 26. June 2008

Hat die New Line Learning Academy in Kent den Klassenraum neu erfunden? Oder haben sie lediglich eine häufige Forderung konsequent umgesetzt?

Meine Übersetzung und Ergänzung von teachers.tv:

Als Teil des Konzepts hat jeder Schüler hat einen tragbaren Computer bekommen und die Schule hat einen drahtlosen Internet-Zugang eingerichtet. Die virtuelle Lernumgebung, die das Programm trägt, nennt sich Schoolbük (Ich muss gestehen, dieses noch nicht zu kennen).

Es zeigt, wie die Akademie einem “Klassenraum der Zukunft” entwickelt, mit dem Schule zu einem Raum umgewandelt wird, den man als High-Tech-Learning Plaza bezeichnen könnte, wo offene Flächen Schülern das Arbeiten in kleinen Gruppen ermöglichen.

Die Nutzung von Lehrmaterialien, Festlegung von Aufgaben-, Bewertungs-und Feedbackmöglichkeiten wirken in dieser lebendig gewordenen Vision von Lernen gut berücksichtigt.

Mich erinnert dieser Film ein wenig an ein vorheriges Post hier: Freie Lernorte – Lernen anders denken. Die Umsetzung in Kent wirkt im Film in der Tat sehr aufgeräumt, doch ein Urteil oder eine Wertung abzugeben, ohne die Schule erlebt zu haben, ist etwas, was sich an dieser Stelle verbietet.

Ich denke aber, dass der Ansatz durchaus Potential zeigt, Schülerinnen und Schülern in der Schule Räume zu schaffen, die sie annehmen und selber gestalten. Zwar saßen die gezeigten Schülerinnen und Schüler im Beitrag doch manchmal wie die Vögel auf der Stange, was aber sicher der Situation durch das anwesende Kamerateam geschuldet war. Wenn Lernende die Möglichkeit bekommen, sich ihre Lernräume selber zu gestalten und zu “erobern”, entwickeln sie ein anderes Verständnis von Lernen. Dazu braucht es nicht zwingend der neuen Medien (Filmzitat: “Motivation has gone through the roof!”).

Was die Neuen Medien aber hier schaffen, sind Räume, die eben über die Mauern der Klassenräume hinausgehen. Die in diesem Blog schon öfters angesprochene Aufhebung der starren Trennung von Lern- und Lebensräumen scheint in Kent zum Greifen nah. Die Schülerinnen und Schüler tragen ihren Umgang mit Computern in die Schule und nehmen mit Sicherheit auch vieles von dem erlernten Umgang damit mit in ihre Lebenswelten. Und genau in diesem Moment gelingt es, Lerner dort abzuholen, wo sie sich bewegen und leben.

Ein weiterer Aspekt, der mir in dem Beitrag aufgefallen ist, ist der Ansatz, Schüler von Schülern lernen zu lassen. Der Lehrer tritt nur noch als Moderator und Hilfestellung bei Problemen auf, während die Schülerinnen und Schüler sich gegenseitig ergänzen und unterstützen. Dass dies aber nicht nur über die virtuelle Plattform erfolgt, sondern – durch den selbstverständlichen und allgegenwärtigen Umgang mit den Laptops – weiterhin auch “real”, zeigt, dass die Gefahr der Vereinsamung oder Individualisierung durch den Einsatz von virtuellen Lernplattformen nicht so stark gegeben ist, wie in manchen Vorurteilen behauptet. Wenn Technik zu einem selbstverständlichen Begleiter wird, wird ihr der Zauber des Besonderen genommen und zu etwas alltäglichen. Ich denke, wenn man sich die Diskussion zu Zeiten der Einführung des Telefons anschaut, wird man parallele Argumentationsstränge finden.

Nun, bis jede/r unserer Schülerinnen und Schüler einen eigenen Laptop bekommt, wird es noch etwas dauern, aber spätestens dann sollten wir nochmals in Kent vorbeischauen, um zu sehen, wie sich das Programm entwickelt hat und ob wir etwas daraus lernen und/oder übernehmen können.

Dieses Post wurde erstelt von René Scheppler.

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