Gibt es eine “Net Generation”? (Schulmeister)

Kommentieren 24. June 2008

Wie wichtig und von welcher Bedeutung Workshops wie die der Initiative d21 gerade heute sind, zeigt indirekt auch der im folgenden vorgestellte Artikel:

„Es ist ein populärer Irrtum zu glauben, dass schon Kinder im Umgang mit neuen

Technologien kompetenter seien als Erwachsene – sie sind meist nur unbefangener

am Computer und im Internet. Die Mystifizierung einer ‚generation @’ hält der

wissenschaftlichen Untersuchung nicht Stand.“[http://www.dji.de/cgi-bin/projekte/

output.php?projekt=786]

Dieses Zitat im Vorwort der online verfügbaren “work in progress”-Publikation von Rolf Schulmeister mit dem Titel “Gibt es eine Net Generation?” ist gewissermaßen der Anlass, danach zu fragen, ob es eine so genannte Netzgeneration überhaupt gibt. Noch konkreter formuliert er:

Der Anlass, mich dieses Themas anzunehmen, entstand, als die Generationen-Metapher

häufiger als Begründung für die Forderung nach den faszinierenden interaktiven Web

2.0-Anwendungen in der Lehre eingebracht wurde.

Eindrucksvoll legt er dar, was bzw. wer unter dem Begriff Netzgenaration (mit ihren diversen alternativen Bezeichnungen wie z.B. Generation @) zu verstehen ist. Danach wird die Mediennutzung empirisch untersucht, um anschließend – und hier unterscheidet sich Schulmeister in seinem Ansatz wesentlich und bedeutend von vielen anderen Forschungen – auch auf die Motivation Jugendlicher hinsichtlich ihrer Mediennutzung einzugehen. Abschließend widmet er sich noch dem Lehren mit den neuen Medien und speziell den Web 2.0-affinen Techniken.

Gerade aufgrund der Tatsache, dass die Web 2.0-Tools ein hohes Maß an Motivation fordern, da das Web 2.0 ja quasi ausschließlich vom Mitmachen und der aktiven Teilhabe seiner Teilnehmer lebt, fragt Schulmeister zurecht

Ist eine ebenso rasante Verbreitung und frequente Nutzung wie beim Internet auch von

Web 2.0-Anwendungen zu erwarten? Oder bleibt das Web 2.0 die Umgebung und das

Werkzeug einer qualifizierten Minderheit? Ist die Entwicklung zur Einfachheit alles, was

wir brauchen, um aus Web 2.0-Umgebungen ein Massenmedium zu generieren?

Denn wie von ihm zitierte Umfragen ergeben haben, konsumieren die Jugendlichen mehr (auch im Web 2.0) als dass sie sich aktiv an deren Gestaltung beteiligen (z.B. durch selbstgeschriebene Beiträge in Blogs, Wikis und Foren).

Erschreckend aber zugleich plausibel sind auch sich aus weiteren Forschungen im englischen Raum ergebene Formulierungen:

Das Interesse an besonderen Lehr- und Lernmethoden wie dem Web 2.0 kommt nicht

aus der Generation selbst, denn die jüngeren Studierenden zeigen eine noch geringere

IT-Präferenz als die älteren Studierenden (ECAR 6, 2005, S. 59f.; ECAR 2006, S. 58).

Kvavik und Caruso führen die höhere Präferenz der seniors für eLearning auf das ansteckende

Vorbild ihrer Professoren zurück, die ihnen inzwischen die Vorteile von eLearning

nahe gebracht haben (ECAR Research Study 5, 2004, S. 12). Hohe fachliche Kompetenz

scheint die Präferenz für moderate Formen zu verstärken.

Nach dem Motto “Sage oft genug, dass etwas wahr sei und die Leute werden schon dran glauben”, wird hier provokant nach der Technikliebe bei Dozenten und Studenten gefragt. Mit dem Ergebnis, dass es nicht die Studenten/Schüler sind, welche einen stark technikunterstützten Unterricht fordern, sondern die Dozenten und Lehrer, denen immer wieder vermittelt wird, wie sie durch intensiven Medieneinsatz auf Motivation und Akzeptanz bei den Studenten/Schülern stoßen. Web 2.0, Internet allgemein und Medieneinsatz als Selbstläufer zu betrachten, ist somit nicht nur falsch sondern grob fahrlässig, wenn beim “Publikum” noch immer viel mehr Faktoren wie z.B. Interesse am eigenen Fach viel höher gewichtet werden.

Tully (2004) spricht konsequenterweise von der „Normalität des Aufwachsens mit Technik“

(S. 159). Für jemanden, der mit Computern aufwächst, sind diese keine neue Entität,

sondern etwas Vorgefundenes. „Computer und andere technische Errungenschaften

haben die Aura des Außergewöhnlichen verloren und finden sich überall im Alltag.“ (S.

160) Er bezeichnet sie als „eine Art notwendige Infrastruktur, um die wichtigeren Aktivitäten

in die Realität umzusetzen“ (S. 172). Die kanadische Studie des Media Awareness

Network hat diese Aussage auf die griffige Formel gebracht:

„The Internet, for young people, is part of the pattern of their day and inte-

grated into their sense of place and time. The Internet just is.“ (Media Awareness

Network 2004, Focus Groups, S. 8)

Wir können demnach nicht mehr davon ausgehen, bei Jugendlichen einen Begeisterungssturm zu ernten, sobald wir eine Technik in den Klassenraum bringen, die sie alltäglich und allgegenwärtig begleitet. Etwas Normales als etwas Besonderes zu verkaufen, läuft vielmehr Gefahr, belächelt zu werden oder antiquiert zu wirken. Es kann nicht mehr darum gehen, Techniken zu erklären oder Medien einzuführen, sondern inzwischen muss der Fokus auf der Sensibilisierung und im Training hinsichtlich des Umgangs mit diesen neuen Medien liegen.

Schulmeister formuliert abschließend eine These, die sich aus seinen Forschungen zur Netzgeneration ergibt und die im Hinterkopf des Lehrers Anhaltspunkt für jede Unterrichtsstunde mit neuen Medien sein kann oder auch eine permanente Leitfrage für die Lehrerbildung im Bereich neue Medien:

Man kann viele der Gegensätze, die in den Argumentationen der Protagonisten wie der

Kritiker auftauchen, unter der generellen Problematik diskutieren, ob der extensive Gebrauch

von Medien auch die Einstellungen prägt. Dass Fähigkeiten und Kompetenzen

sich durch Assimilation und Akkomodation entwickeln, gilt seit Piaget unbezweifelt,

alle Menschen verändern sich überall und durch jede Aktivität. Selbstverständlich entwickeln

sich neue Fähigkeiten bei Kindern und Jugendlichen durch das Tun mit dem

Computer. Aber ebenso entwickeln sich diese Kompetenzen bei extensiven Computerbenutzern,

die nicht der fraglichen Alterskohorte angehören. So sind selbst die Ungeduld,

dass der neue Rechner oder die neue Netzanbindung schon wieder zu langsam

geworden ist, oder die Angewohnheit, mehrere Dinge auf einmal zu tun, bei älteren

Computerbenutzern verbreitet. Das Thema der Fähigkeiten und Kompetenzen scheint

mir nicht der entscheidende Diskussionsstrang zu sein, sondern der Gesichtspunkt, dass

auch bei den heutigen Jugendlichen dieselben sozialisatorischen Aktivitäten, Interessen

und Werte im Vordergrund stehen und dass die neuen Medien und ihre Abundanz lediglich

in die eigene Lebenswelt inkorporiert werden, nicht aber die Einstellungen,

Sehnsüchte und Wünsche prägen.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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